11. 8. Schafe und Serpentinen im Tunnel
Die Nacht war recht frisch, aber die Aussicht am Morgen ist immer noch ungeschlagen. Wir frühstücken und trinken Kaffee an der Kante der Schlucht, ich mache noch einen kleinen Spaziergang im Wald hinter dem Zelt, da es dort laut OSMand einen "besonderen Stein" gibt, aber falls ich ihn finde, erkenne ich ihn nicht. Dann wird das Zelt abgebaut und da wir ja so nahe am Auto campen wie schon lange nicht mehr, sind wir ruck-zuck abfahrbereit. Das Ziel für heute abend ist eine Passstraße am Sognefjord, der Tindevegen und dahin werden wir eine Weile unterwegs sein.



Auf dem Weg durch die gebirgigen und wenig besiedelten Gegenden Telemarks fahren wir vorbei am Gautstatoppen, den mit über 1800 Metern höchsten Gipfel der Region - es gibt sogar eine Bergbahn, ansonsten in Norwegen eine Seltenheit! Am Fuß des Berges in einem tief eingeschnittenen Tal schlängelt sich die Straße steil hinunter nach Rjukan, wo vor allem das geschichtsreiche Wasserkraftwerk kaum zu übersehen ist. So einsam die Gegend sich anfühlte, in Rjukan geht es äußerst lebendig und geschäftig zu. Wir machen eine Hot-Dog-Pause an einer Tankstelle, schauen ein bisschen in die Gegend und fahren dann weiter durch die Berge Richtung Geilo. Dort rufe ich erneut zum Halt auf, denn es gibt in dem kleinen Nest gleich mehrere Sportgeschäfte und ich habe noch im Hinterkopf, dass Heiko seinen ermordeten Wanderstock ersetzen muss. Das gelingt uns auch auf Anhieb und er findet noch eine Jacke dazu.


Kurz darauf bemerke ich, dass wir am Hivjufossen vorbeikommen, einem großen Wasserfall, den ich mir mal auf der Karte markiert hatte und da uns eh nach etwas Bewegung ist, packen wir einen Tagesrucksack und marschieren los. Es geht steil aufwärts, aber der Weg durch lichten Birkenwald ist so schön, dass wir ruck-zuck oben sind. Oben gibt es reichliche große Felsen, auf denen ich in der Sonne sitze und die Aussicht auf den zu Tal rauschenden Bach genieße, während Heiko einige Fotos macht.



Am Hivjufossen
Scheinbar endlos kurven wir durch die Berge und es wird doch nicht langweilig, so schön und abwechslungsreich ist die Landschaft. Kurz bevor wir an den Sognefjord kommen, überqueren wir ein in der Abendsonne leuchtendes Hochplateau mit zahlreichen Wasserflächen, leuchtendgrünen Sümpfen und Seen. Dann beginnt das Abenteuerland der Tunnel: Gerade am Vortag hatte ich noch an eine Schilderung von Tunneln mit Serpentinen gedacht, schon sehen wir einen davon vor uns: Haarnadelkurven und 7 Grad Gefälle, dazu noch ein handgemaltes Schild am Tunneleingang: "Sauer i tunnel", Schafe. Die allerdings begegnen uns nicht! Dafür ein weiterer Tunnel, dieser 24 Kilometer lang.
Der Sognefjord liegt schon im tiefen Schatten und die Picknickplätze am Ufer sind vollgestellt mit Wohnmobilen, deren Besitzer sich für die Nacht eingerichtet haben. Wir hingegen schlängeln uns durch bis nach Øvre Ardal, denn von diesem kleinen Ort an der Fjordspitze führt eine schmale Mautstraße übers Fjell, der Tindevegen. In haarsträubenden Serpentinen führt die Straße den Hang hoch, sanfter bergauf durch ein bewaldetes Tal, in dem noch einige Gehöfte stehen, dann verlassen wir den Wald und kommen auf eine karge Ebene, wo wir auch die Abendsonne plötzlich wiedersehen. Es ist karg, nur Zwergweiden und Heide wachsen hier noch, aber im goldenen Licht sind die Farben dennoch verschwenderisch.




Am Tindevegen
Östlich von uns sehen wir ein paar deutlich höhere Gipfel, die Hurrungane, die deutlich über 2000 Meter hoch sind und an denen sich sogar ein paar Regenwolken stauen, die uns einen Regenbogen schenken. Heute ist es aber schon spät und wir haben nur noch Zeit für einen kleinen Spaziergang von der Straße auf eine Klippe, die steil zum Lustrafjord hin abfällt und auf der zwischen zwei Felsen gerade genug Platz für unser Zelt ist. Das Abendessen können wir dann mit Blick auf den Sonnenuntergang und den türkisblauen Fjord tief unter uns einnehmen.
