13. 8. - Dänemark, einmal längs
Dank meiner Gewohnheit und des frühen Sonnenaufgangs wache ich gegen sechs Uhr auf, lese noch ein wenig, mache mich dann aber rasch fertig für einen Erkundungsgang durch die Flensburger Stadtmitte; Heiko schläft noch und das Frühstück ist auch erst für neun Uhr bestellt. Das Wasser der Förde liegt still und hellblau im Morgenlicht und ich genieße den Ausblick auf zwei Wochen Urlaub, Zelten und Natur. Ich stricke mit Blick auf den Hafen, schlendere durch die schmalen Gassen, organisiere mir einen Kaffee, führe noch einen kurzen small talk mit einem Mann, der mich fragt, ob ich diejenige sei, die kürzlich am Hafen Gegenstände bestrickt hätte, dann ist es langsam Zeit fürs Frühstück, das uns Corona sei Dank einer Tüte vor die Zimmertür gestellt wird.



Flensburg
Da Heiko seine Wasserflasche auf der Arbeit und ich unsere zweite im Kühlschrank habe stehenlassen, kaufen wir in der Fußgängerzone noch eine Aluflasche sowie ein Haarband (das habe ich nämlich auch liegen lassen), dann tanken wir noch mal auf und wenden uns Richtung dänische Grenze. Dort gibt es eine Schlange, wir warten aber nur ein paar Minuten und dürfen weiterfahren, nachdem wir unseren Ausweis gezeigt haben - Buchungsbestätigung und Fährticket interessierten nicht. So geht es weiter auf die Autobahn nach Norden. Die Sonne scheint, links und rechts ist es flach mit viel Landwirtschaft und es gibt wenig zu sehen. Was Bärbel vor 25 Jahren feststellte, stimmt immer noch: Gardinen sind in Dänemark unüblich.
Am Vorabend hat mich eine Mail der Fährgesellschaft erreicht, aufgrund technischer Störungen verzögert sich die Abfahrt auf von ursprünglich gegen 18 Uhr auf 21:15 - so viel zu dem Plan, noch im Hellen anzukommen und das Zelt aufzubauen. Dafür haben wir reichlich Zeit, uns in Dänemark herumzutreiben. Wir fahren zunächst an die Küste westlich von Aalborg. Der Strand gefällt uns nicht, das Wasser ist trübe und hat kaum Brandung, dafür machen wir einen Spaziergang durch ein kleines Wäldchen, auf dem uns reichlich alte Kriegsbunker unterkommen. Wann immer wir auf Heide treffen, bin ich ganz entzückt, denn sie blüht und die Landschaft ist von ihrem Lila ganz verzaubert.

Dann geht es weiter nach Norden, wir müssen ja schließlich bis nach Hirtshals und wo wir schon mal da sind, will ich unbedingt an den nördlichsten Zipfel Dänemarks, nach Skagen. Als wir dort ankommen, wird es langsam Abend und das goldene Licht über der gelbgrünen Dünenlandschaft mit vereinzelten blühenden Heidebüschen dazwischen ist spektakulär. Nach dem Strandspaziergang zum Skagerrak gibt es zurück am Parkplatz einen dringend benötigten hot dog, auf dem Rückweg halten wir noch an der im Sand versunkenen Kirche und dann fahren wir einigermaßen eilig zum Hafen nach Hirtshals, denn man soll spätestens um 20:15 bereitstehen.

Natürlich tut sich dort die längste Zeit gar nichts, wir schauen im Auto “Making a Murderer” und erst 20 Minuten vor Abfahrt dürfen wir an Bord. Zum Stehen gekommen, fühle ich mich sofort an Island erinnert, denn direkt neben dem Auto weht es aus einem Ventilator derart stark, dass ich die Tür kaum aufbekomme. Es ist ein Zeichen, aber das kann ich jetzt noch nicht wissen.

In weiser Voraussicht habe ich schon auf dem Parkplatz eine lange Hose angezogen und nehme auch noch Halstuch und Jacke mit an Bord - vielleicht will ich ja nach draußen gehen und da zieht es bestimmt. Tatsächlich ist das Außendeck so klein und gedrängt voll mit Rauchern und ich selber so platt vom Tag, dass ich keinen Fuß vor die Tür setze und in meinem ziemlich bequemen Sitz schnell eindöse. Die warmen Sachen kann ich dennoch brauchen, denn den Infektionsschutz versteht man auf der Fähre offenbar so, dass die Klimaanlage auf voller Leistung läuft. Auf einigen Sitzen fühlt man sich wie von einem kalten Föhn angeblasen und so zähle ich mal wieder fröstelnd die Minuten bis zur Ankunft.
Der technische Defekt, der für unsere Verspätung gesorgt hat, besteht weiterhin und verlängert unsere Fahrzeit um eine gute Stunde, so dass wir erst gegen halb eins in Kristiansand von Bord fahren. Das immerhin geht zügig und anscheinend ist das meiste Hafenpersonal auch schon nach Hause gegangen, denn kontrollieren will uns keiner. Hurra, wir sind in Norwegen! Jetzt müssen wir es nur noch in die Schlafsäcke schaffen. Davor kommt allerdings noch der gefürchtetste Teil des Tages: Im Dunkeln in einer fremden Gegend einen Zeltplatz suchen. Mir graute schon 2016 in Schweden davor und obwohl ich in vielen Dingen gelassener und abgebrühter geworden bin, in der Hinsicht hat sich nichts geändert. Wir steuern somit den auf dem Papier einfachsten Zeltplatz an, einen Hügel oberhalb der Rossevannstrappa, einer langen Metalltreppe. Sie gehört zu einem Wasserwerk und führt auf einen felsigen Hügel, unten kann man parken. Soweit die Theorie.
Die Straße zu dem sogenannten Parkplatz ist schmal mit reichlich Auf und Ab, dafür nicht allzu lang, denn sie endet vor einem Kieshaufen. Die Treppe ist zunächst nirgends zu sehen und ich freunde mich schon mit einer halbwegs ebenen Fläche neben dem Auto an, während ich mich frage, wo die Treppe geblieben sein mag, da blitzt plötzlich doch etwas Metallenes im Lichtkegel der Taschenlampe auf - ein Stück hinter dem Kieshaufen führt die Gittertreppe nach oben. Wir packen zügig alles zusammen, dann geht es über viele, viele Stufen nach oben. Hin und wieder leuchte ich während des Aufstiegs nach oben in der Hoffnung, bald das Ende der Treppe zu erblicken, aber sie ist länger, als ich mir vorgestellt habe. Dafür wird die Aussicht über die Lichter von Kristiansand immer schöner.
Die Treppe endet knapp unterhalb der Hügelkuppe, noch ein bisschen über den Fels kraxeln, wobei ich einmal sogar die Hände zuhilfe nehmen muss, und wir sind oben. Zwischen Felsplatten und Heidebüschen finden wir ein Plätzchen für das Zelt, sehr zum Interesse der geflügelten Heidebewohner, die uns umschwirren und vor allem an Heiko sehr interessiert sind. Es sind keine Stechmücken, sondern kleine Kriebelmücken, die sich aber ebenfalls für Blut interessieren. Als das Zelt steht, bewundern wir daher nur kurz den Sternenhimmel und knallen uns zügig in die Schlafsäcke. Es ist immer ein seltsames Gefühl, im Dunkeln sein Nachtlager aufschlagen, als täte man etwas Verbotenes.