14. 8. - Felsen und Wasser
Bis auf eine kurze Unterbrechung, um die Fliegengitter zu schließen, ist es eine erholsame erste Nacht. Ich wache mit der Sonne inmitten des blühenden Heidekrauts auf und versuche, einem mit Steinhäufchen markierten Pfad auf den höchsten Punkt der Anhöhe zu folgen, aber das Gelände ist überraschend unübersichtlich und zwischen Felsbuckeln, Heide und Kiefern verliere ich den Weg immer wieder. Im dunstigen Morgenlicht öffnet sich der Blick auf Kristiansand und die dahinterliegende Bucht, das vertraute beschwingte Gefühl stellt sich ein: Da ist er, der Urlaub, und es soll ein schöner Tag werden.


Über Kristiansand
Heiko bleibt ebenfalls nicht mehr lange liegen, er hat nicht allzu weit entfernt ein Baufahrzeug gehört und sofort eine Verbindung zu dem Kieshaufen neben unserem Auto hergestellt. Wir entschließen uns also zum zeitigen Aufbruch ohne Frühstück. Auf der Treppe begegnen wir einem Frühsportler, der im zügigen Tempo die Treppe hinauf- und hinabeilt, um den Coronaspeck loszuwerden. Er wünscht uns eine schöne Reise.
Um ein Ziel zu haben, gebe ich das Kap Lindesnes im Navigationssystem ein. Die Straße führt entlang an stillen Seen, in denen sich schroffe Felsabbrüche spiegeln, umsäumt von dunklen Kiefern; dann wieder an kleinen Häfen mit bunt gestrichenen Bootsschuppen. So weit südlich hatten wir an Norwegen keine großen landschaftlichen Ansprüche, aber es ist hier bereits wunderschön. Durch kleine Ortschaften, Felder und Wälder fahren wir auf den südlichsten Punkt Norwegens zu, das Kap Lindesnes, wo auch der älteste Leuchtturm des norwegischen Festlandes steht. Als wir ankommen, ist es noch vor neun und der Leuchtturm noch geschlossen, aber die Kaffeebude und Bäckerei ist schon geöffnet. Wir kaufen Brot und Kaffee und beschließen beim Frühstück, die Leuchtturmbesichtigung zugunsten einer kleinen Wanderung durch die Umgebung ausfallen zu lassen, die dekorativ karg nur aus glattgeschliffenen Felsbuckeln besteht. Obwohl es keine großen Erhebungen gibt, geht der Weg stetig auf und ab. In der Zwischenzeit ist von See her Nebel aufgezogen und sorgt für eine düstere Lichtstimmung. Zum Glück ist der Weg gut markiert, denn es sieht alles dermaßen gleich aus, dass Heiko zu Ende des Rundwegs fest davon überzeugt ist, dass wir an der Stelle schon gewesen seien, obwohl das kaum möglich ist, da wir ein gutes Stück entfernt vom Einstieg wieder auf die Straße treffen.

Bei der Rückkehr sind die Zimtschnecken in der Bäckerei fertiggeworden und wir nehmen einige mit auf den Weg. Kaum haben wir uns ein paar Kilometer vom Kap entfernt, strahlt auch die Sonne wieder vom Himmel. Die Straße bleibt spektakulär, vor allem die Fedafjordbrücke, wo die Straße direkt aus einem Tunnel auf die Fjordbrücke und dahinter wieder zurück in einen Tunnel führt. Kurz darauf nehmen wir einen Abschneider über eine Schotterstraße, die krumm wie ein Schweinerücken ist und sich “nicht für Wohnwagen eignet”, so viel gibt mein Norwegisch her. Auch für Radfahrer eignet sie sich nur begrenzt, wir überholen jedenfalls zwei, die ziemlich am Ende sind. Mittlerweile ist es sommerlich heiß geworden, was auch wir zu spüren bekommen, als wir im nächsten Fjord parken, um auf den Brufjell zu steigen und die Aussicht zu genießen. Der Ort, in dem wir parken, liegt malerisch direkt am Fjord, der Aufstieg ist anfangs matschig und sehr steil und bringt mich ordentlich ins Schwitzen. Entsprechend schnell sind wir dann aber oben und blicken auf die unwirtliche, karge Granitbuckellandschaft, die wir mit nur wenigen Menschen und ein paar Schafen teilen. Das Licht ist eigentümlich dunstig, der Seenebel ist auch hier im Anzug, auch wenn er sich noch nicht durchsetzen kann. Beim Abstieg haben wir dann direkt eine sächsische Familie vor uns.



Beim Brufjell
Zurück am Parkplatz sprechen wir begeistert dem dortigen Automaten für gekühltes Soda zu und fahren weiter. Mittlerweile ist klar, dass wir heute nicht mehr bis zum Lysefjord durchfahren, sondern ein Stück südlich von Stavanger am Strand campen werden, insofern ist noch Zeit für einen Abstecher nach Helleren. Hier stehen zwei uralte Häuschen im Schatten eines Felsüberhangs. Es könnte ein magischer Ort sein, gäbe es nicht die Zufahrt zum Titantagebau im nächsten Tal und die Bucht, von der aus fleißig an- und abtransportiert wird, was für infernalischen Lärm sorgt. Das ausgeblendet, ist der Blick auf und in die beiden Häuschen dennoch ein Blick in eine andere Zeit.


Helleren


Unterwegs
Der weitere Weg führt uns weg von der Küste, vorbei an menschenleeren Landschaften voll tiefer, stiller Seen und karg bewachsener Felshügel. Als wir wieder zur Küste kommen, ist es dort wesentlich flacher geworden mit viel Platz für ausgedehnte Felder und Bauernhöfe, dahinter weite Dünenlandschaften und Strände. Wir stellen an “Bora Strandet” das Auto ab und schlagen uns durch die Dünen, bis wir am Übergang zwischen Dünen und Wäldchen einen guten Platz für das Zelt finden. Draußen ist es windig und ungemütlich und es war ein langer Tag, so dass ich mich nach dem Abendessen aus Gulaschsuppe und Brot schnell in den Schlafsack kuschle und einschlafe. Morgen soll das Wetter wieder gut werden und wir wollen an den Lysefjord.
