4 min read

15. 8. - Hochnebel, Küstenidylle und erstaunlich vertikale Berge

15. 8. - Hochnebel, Küstenidylle und erstaunlich vertikale Berge
Auf dem Kvasstinden

Durch die ganze Fahrerei haben wir uns mittlerweile beinah dem Polarkreis genähert und so ist die Nacht hell, aber sehr frisch und wir kriechen tief in die Schlafsäcke. Morgens hängen die umliegenden Berge voller Wolken und auch über unseren Gipfel kriechen ein paar Nebelschwaden, aber man kann sehen, dass der Himmel darüber leuchtend blau ist und über dem Meer gibt es einige wolkenfreie Stellen, an denen das sonst so bleierne Wasser leuchtend blau ist. 

Morgens am Reinesaksla

Wir frühstücken Porridge und Kaffee und trödeln noch ein wenig herum in der Hoffnung, dass es bis zum Abstieg sonnig wird, was aber nicht eintritt und so machen wir uns am späten Vormittag auf dem Rückweg zum Auto. Wie üblich habe ich mir über den Abstieg wesentlich mehr Gedanken gemacht, als er wert war und wir kommen problemlos über die Steilstufe und das kleine Geröllfeld wieder unten an, wobei uns ein paar Wanderer entgegenkommen. Ganz unten versorgen wir uns wieder mit frischen Himbeeren und fahren dann über die Helgelandsbron hinein nach Sandnessjoen.

Die Brücke beeindruckt uns sehr, sie spannt sich hoch gewölbt über den Leirfjord, wobei man die ganze Zeit auf die senkrechte Felswand der Bergkette zufährt, deren sieben Gipfel die sieben Schwestern genannt werden. Ambitionierte Bergsteiger können alle diese Gipfel an einem einzigen Tag gehen, da sie über niedrigere Grate verbunden sind. Davon sind wir weit entfernt, allerdings haben wir gestern schon davon gesprochen, dass wir gern eine der Schwestern besuchen würden - allerdings nur, wenn sich der Nebel verzieht, der im Moment noch alles über 500 Höhenmetern unseren Blicken entzieht.

Sandnessjoen ist ein winziges Nest, aber es gibt eine Tankstelle, wo wir die obligatorischen hot dogs zu Mittag essen. Um dem Nebel weitere Zeit zu geben, sich zu lüften, fahren wir die Küste entlang bis nach Tjotta zum Fähranleger und tatsächlich wird es, bis wir dort sind, in kürzester Zeit sonnig, das Meer mit den vielen Flachwasserstellen und kleinen Inselchen leuchtet und wir machen uns auf den Rückweg zum Kvasstinden. Diesen Gipfel haben wir ausgewählt, weil er sich mit dem benachbarten Stortinden ein ausgedehntes Hochtal mit mehreren Seen teilt; da wollen wir erstmal hin, und ob wir danach noch auf den Gipfel gehen, wollen wir dann entscheiden. 

Ein erstmal gar nicht so unklug wirkender Schachzug, an dem auch das Prinzip Hoffnung beteiligt ist, denn sämtliche Routen auf die sieben Schwestern sind mit dem höchsten Schwierigkeitsgrad gekennzeichnet. Den traue ich mir definitiv nicht zu, allerdings steigt die Schwierigkeit ja meist erst mit der Höhe, dementsprechend: Gehe ich den Berg nur zu Hälfte, müsste das ja wohl passen, oder?!

Dass uns steile Hänge erwarten, das ist von Anfang an zu sehen. Bei schönstem Sonnenschein führt uns der Weg zunächst entlang einer Wiese und durch ein idyllisches Wäldchen auf eine steinerne Wand zu. Wären da nicht die roten Markierungen, würde ich ernsthaft in Zweifel ziehen, dass man sich hier fortbewegen soll und so muss ich direkt anfangs mehrmals die Hände zu Hilfe nehmen. Sobald ich mich an die steilen Granitplatten gewöhnt habe, kann ich den Großteil der Strecke allerdings aufrecht stehend hinter mich bringen. Bei trockenen Bedingungen bieten die Steine guten Halt und da die Vegetation schnell komplett wegfällt, ist der Blick spektakulär. Neben dem Weg, der aufgrund der felsigen VErhältnisse nur durch die Markierungen als Weg erkennbar ist, fließt ein kleiner Bach über die Felsen zu Tal. Die Sonne brennt und es geht steil bergauf, so gewinnen wir gut Höhe und gelangen schließlich über eine letzte Kraxelstelle auf das Plateau. Hier geht es zwischen Felsplatten, grasigen Grünflächen und sanft murmelnden Wasserläufen nur sanft bergauf.

Ich schaue nach links und rechts auf die steil aufragenden Gipfelaufbauten und streiche direkt die Segel - ich bleibe heute nachmittag hier! Wir bauen also zwischen zweien der Wasserläufe das Zelt auf und Heiko macht sich auf zum Gipfel des Kvasstinden. Mittlerweile senkt sich der Nachmittag und die Nebelschwaden treten wieder in Erscheinung, aber man kann erahnen, dass der Gipfel selbst in der Sonne liegt und der Ausblick muss spektakulär sein.

Ich koche mir einstweilen einen Tee, lese und bereite das Abendessen vor. Die Wolken senken sich tiefer und von Westen her rückt eine Wolkenfront näher, die zwar keinen Regen bringt, aber das Tal verdüstert. Wanderer sehe ich keine, ich bin ganz allein in diesem Hochtal zwischen Felsen, Wasserläufen und steilen Hängen. Es ist eine sehr stille und eigenartige Stimmung.

Als Heiko gegen neun zum Zelt zurückkehrt, ist er erschöpft, aber glücklich. Wir kochen uns Yum-Yum-Suppe und kriechen danach bald in die Schlafsäcke.