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15. 8. - In der Unterhose vorm Zelt sitzen

15. 8. - In der Unterhose vorm Zelt sitzen
Auf dem Sollifjellet

Der Morgen dämmert zugig und grau, auch wenn der Wetterbericht steif und fest etwas anderes behauptet - wir können nur annehmen, dass oberhalb des Seenebels ein strahlender Tag anbricht und hoffen, dass er sich im weiteren Verlauf auch zu uns herunterbequemt.

Ich wache gegen halb sieben gut erholt aus und strecke meine geschundenen Muskeln bei einem Spaziergang durch die Dünen bis zum Ende des Strands. Bei meiner Rückkehr ist Heiko auch wach, wir kochen Kaffee und bauen das Zelt ab. Im Klohäuschen am Strandparkplatz legen wir eine gründliche Wäsche ein.

Wir müssen heute nach Stavanger, um Heikos Hut zu ersetzen, der anscheinend auf dem Brufjell geblieben ist, denn bei den Wetteraussichten braucht er dringend einen Sonnenschutz. Da die Gegend Touristen und Naturliebhaber anzieht, rechnen wir uns da gute Chancen aus, da allerdings vor zehn Uhr nichts öffnet, machen wir einen Abstecher zu Sandnes Garn. Auf den letzten Kilometern sehen wir immer wieder einheitlich gekleidete sportliche Menschen über die Hügelflanken hetzen - anscheinend findet gerade ein Sportevent statt. Nach dem Garnkauf auf dem Rückweg nach Stavanger verfahren wir uns ein bisschen, da das Navi den neuen Tunnel noch nicht kennt. Die Innenstadt ist noch ziemlich ruhig und mit kleinen Gässchen und bunten Holzhäusern überraschend idyllisch; inzwischen strahlt von jetzt auf gleich die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Das Meer ist nie weit weg. Wir kaufen uns Kaffee und Zimtschnecken und bei Intersport einen neuen Hut für Heiko. Auf dem Rückweg zum Auto kommen wir an einem bunten Markt vorbei, wo ich einen Strang Pelzschafwolle kaufe und Heiko eine Bratwurst, die mit gebratenen  Zwiebeln serviert wird und vermutlich einen Teil Elchfleisch enthält.

Über eine Fjordbrücke geht es dann auf der Weiterfahrt wieder in den Tunnel und Richtung Lysefjord. Auf dem Weg zu unserem geplanten Nachtquartier wollen wir noch den Hatten besteigen, den westlichen und etwas kleineren Nachbarn des Preikestolen, von dem wir uns fernhalten wollen - hier haben die Reisebeschränkungen keinen Effekt erzielt, selbst die aktuellsten Bilder bei google zeigen unfassbare Menschenmassen. Auch am Hatten stehen einige Autos, es verläuft sich aber am Berg. Die Kulisse ist sagenhaft idyllisch: ein von dunklen Kiefern eingerahmter Bergsee, der tiefblau in der Mittagssonne blitzt, dazwischen Schafweiden und ein verwunschen in einem Bachlauf ansteigender Weg, auf dem uns das erste Stück noch das Gebimmel der Schafglocken unterhalb begleitet. Nach dem ersten Stück geht es flacher über riesige Granitplatten dahin und nach ein bisschen anfänglichem Umherirren achte ich peinlich auf die Wegmarkierungen. Zum Gipfel führen zwei Wege, wir haben uns für den Aufstieg den steileren, an der Fjordkante entlangführenden Weg ausgesucht, der auch ein paar kurze Kraxelpartien enthält. Es ist heiß, das Heidekraut leuchtet, die Farben von Felsen, Wasser und Meer lassen an südlichere Gefilde denken. Nach kurzer Zeit schon haben wir den Gipfel erreicht und entspannen auf den warmen Felsen. Richtung Westen sehen wir bis zur Lysefjordbrücke, Richtung Osten weit in den Fjord hinein und hinüber auf den Solifjellet, wo wir übernachten wollen. Zurück nehmen wir den gemütlicheren Weg ohne Aussicht auf den Fjord, dafür aber über den Bergsee und das bewaldete Tal.

Zurück am Auto sind wir erhitzt und haben Lust auf ein Soda. Zum Glück gibt es direkt hinter der Fjordbrücke einen kleinen Ort, Lysefjorden, und einen Supermarkt direkt am Meer. Die Sonne wärmt, kleine Motor- und Segelboote liegen malerisch im Wasser. Das Licht beginnt, golden zu werden und wir machen uns auf Richtung Schlafplatz; dafür müssen wir ein Stück an der Südseite des Fjords entlang Richtung Fossmork. Allein die Fahrt ist ein Erlebnis, die schmale Straße windet sich teils am Wasser entlang, teils durch Wälder und zwischen Felsen hindurch. Plötzlich verläuft die Straße direkt am Wasser, senkrecht aufragende Felswände zu beiden Seiten. Unsere Fjordseite liegt im warmen Licht, die gegenüberliegenden Felsen dräuen in tiefem Schatten. Durch ein weites Tal abseits des Fjords schraubt die Straße sich in Serpentinen durch Almwiesen hindurch höher, um dann am Parkplatz Skroyla zu enden. Dort stehen schon zwei, drei Autos und Wohnmobile, deren Besitzer sich direkt am Parkplatz für die Nacht einrichten. Wir packen die Rucksäcke und ziehen los, die Schotterstraße entlang durch einen lichten Wald Richtung Sollifjellet. Links und rechts kraxeln Schafe über die steilen Hänge.

An einem kleinen Stausee, dessen rötlich getöntes, aber glasklares Wasser im Abendlicht funkelt, verlassen wir die Schotterstraße und arbeiten uns auf einem schmalen Pfad den Berg hoch. Hier geraten ut.no und osmand kurz in Konflikt über die Streckenführung, die Realität schlägt sich aber auf die Seite von osmand. Hier gibt es nur noch wenige Bäume, nur noch Felsen, Heide und Wacholdergestrüpp, die Sonne brennt uns auf den Rücken und der felsige Hang strahlt die Wärme des Tages zurück; ich bin erschöpft und der steile Anstieg fordert mich nochmal ganz schön. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir das kleine Plateau unterhalb des Gipfels, sehr dekorativ mit einzelnen Birken und einem kleinen See, aber hier können wir kaum bleiben; es ist wahlweise felsig oder sumpfig. Hinter dem See können wir schon die Felswand auf der anderen Fjordseite sehen.

Zum eigentlichen Gipfel ist es nicht mehr weit, nur noch einmal die Hände zu Hilfe nehmen, was ich um ein Haar verweigere, dann sind wir schon fast auf dem Gipfelplateau. Nun ist auch der Fjord wieder in Sicht, wir blicken über die dunkle Wasserfläche und säuberlich aufgereihte Bergkämme nach Westen auf die sich neigende Sonne. Heiko findet schnell eine passende Stelle für das Zelt in einer Nische. Es riecht nach Sommerwiese und Kräutern und wir genießen den langen, lauen Sommerabend, während die Sonne sehr langsam hinter die mächtige Wand des Preikestolen sinkt. Wir waschen uns in einem kleinen See in der Nähe - das Wasser ist klar, aber warm und wundervoll - und stapfen danach in Shirt und Unterhose zurück zum Zelt, wo wir eine ganze Weile mit bloßen Beinen sitzen, während der Fels unter uns die Wärme des vergangenen Tages zurückstrahlt. Bis auf das ferne Rauschen eines Wasserfalls auf der anderen Fjordseite und das seltene Brummen eines Schiffsmotors ist es still. Etwas später kommen noch drei Wanderer an, die sich auf der anderen Seite des Gipfelplateaus einrichten, von denen wir aber nichts weiter mitbekommen.

Heiko kocht Chili Sin Carne, zum Nachtisch gibt es Äpfel und Zimtschnecken, dann, eine Weile nach Sonnenuntergang, zieht es uns in die Schlafsäcke - den Sternenhimmel können wir nicht mehr abwarten, es war ein langer Tag.