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16. 8. - 500 Höhenmeter in anderthalb Kilometern

16. 8. - 500 Höhenmeter in anderthalb Kilometern
Zwischen Stavanger und Odda

Am nächsten Morgen wache ich früh auf, die Sonne scheint bereits vom wolkenlosen Himmel - alle Wolken sind unter uns, füllen den Lysefjord in einer dicken Schicht und kriechen langsam die Hänge hinauf. Das Schauspiel ist nicht mehr neu und doch jedes Mal wieder unvergleichlich. Wir schauen den sich langsam bewegenden Luftmassen zu, während wir TUCs und Kaffee frühstücken, und machen uns dann an Zeltabbau und Abstieg. Das kleine Plateau mit dem See unterhalb des Gipfels ist vom gleißenden Weiß wie eingerahmt, während der See den blauen Himmel widerstrahlt.

Wie so oft sind wir beim Abstieg überrascht, wie schnell wir plötzlich unten sind. Auf Höhe des kleinen Stausees mit der schmalen Brücke befinden wir uns mitten in der Wolkenschicht, alles ist grau, düster und verwünschen, die Luft wohltuend feucht und kühl. Wir reißen uns die Hüte vom Kopf und kassieren direkt einen Sonnenbrand, wie uns später auffallen wird.

An dem See füllen wir die Trinkblase mit dem stark nach Eisen schmeckenden Wasser und machen uns auf den Weg zurück zum Auto. Die Camper am Parkplatz sind gedämpfter Stimmung, ihre morgendliche Aussicht ließ im Vergleich zu unserer zu wünschen übrig. Auf dem Weg zurück zur Lysefjordbrücke liegt das Wasser bleiern unter den durch den Hochnebel wie abgeschnittenen Bergen da.

In Jorpeland kaufen wir ein paar Kekse, füllen an einer Tankstelle Wasser auf und ich kaufe einen Circle-K-Jahresbecher für Kaffee, der uns noch gute Dienste tun wird. Dann geht es weiter über die Berge nach Norden, wir wollen heute in den Folgefonna-Nationalpark. Eigentlich hatte ich das abgelegene Bladalen und seine Stauseen als Ziel auserkoren, aber das haut mit der Fähre heute nicht mehr hin, also disponieren wir um auf das Buerdalen. Auf dem Weg dahin kommen wir auch an einem weiteren potentiellen Zeltplatz vorbei, nämlich den Gletschertöpfen - Jettegryttene - in Rullestad. Ein anderes Mal!

In Hjelmeland endet die Straße unzeremoniell an einem Fähranleger, praktischerweise steht die Fähre schon bereit und ehe wir wissen, wie uns geschieht, sind wir schon halb über den Fjord. Bis zur Mittagszeit hält sich der Nebel hartnäckig, dann ist er innerhalb einer halben Stunde verschwunden und die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel. Fjorde, bewaldete Hänge und rote Holzhäuschen leuchten um die Wette.

Kurz vor Etne verlassen wir einen Tunnel und wundern uns über die 50-Begrenzung, da passieren wir einen direkt neben der Straße zu Tal donnernden Wasserfall, den Langfossen. Wir halten an und bewundern von unten den sich in zahlreiche Kaskaden aufteilenden Strom. Man kann auch bis aufs Plateau wandern, aber dafür bleibt heute keine Zeit, nach einem Hot Dog an der Tankstelle in Etne geht es weiter zum Ziel. Über einen bewaldeten Pass fahren wir mit einem Zwischenstop beim Joker in Skarsmo über ein zunächst tief eingeschnittenes Flusstal im goldenen Nachmittagslicht Richtung Odda, ständig neue große und kleine Wasserfälle kommen vom Folgefonna auf unserer linken und der Hardangervidda auf der rechten Seite hinzu, bis das Tal sich etwas öffnet und der Fluss einen langgezogenen See bildet, den wir zunächst für einen Fjord halten; erst im Mittagslicht am folgenden Tag werden wir die verräterisch knallblaue Farbe des Gewässers sehen und auf der Karte feststellen, dass der Fjord erst hinter Odda beginnt. 

Das Städtchen selbst streifen wir nur und biegen direkt in die Straße zum Hof Buer ab, von wo aus wir zum heutigen Nachtlager starten werden. Auch hier begleitet uns wieder ein rauschender Wildbach. Der große Parkplatz am Hof ist als Basis für Wanderungen zum Gletscher sehr beliebt und gut frequentiert, was man schon daran sieht, dass alle Wiesen links und rechts der Straße sorgfältig abgezäunt sind und hin und wieder sogar “no camping”-Schilder stehen. Es ist das einzige Mal auf unserer Reise, dass sie uns begegnen. Da es schon 17 Uhr wird, ist der Parkplatz nicht mehr sonderlich gefüllt, nur einige wenige Vanbesitzer richten sich für den Abend ein; es ist ein idyllisches Plätzchen mit den sattgrünen Wiesen des Bauernhofs und den bewaldeten Hängen, über denen die Gletscherzunge thront, aber in der Gegend gibt sicherlich spektakulärere Nachtlager. Nach Klärung der üblichen großen Fragen (Haben wir alles? Was gibt es zu essen?) brechen wir zu einem davon auf und werden dem Wanderweg Richtung Reinanuten auf ein weites Hochplateau, das Buerdalen, folgen. 

Die Routenbeschreibung lässt kurzes, aber knackiges vermuten und enttäuscht nicht, auf anderthalb Kilometern geht es fast 500 Höhenmeter nach oben, wobei die ersten hundert Meter nur wenig ansteigend über den Fluss und in den Wald führen. Der Hang liegt bereits im Schatten, die Luft im Wald ist kühl und feucht, der Weg führt, sobald er sich einmal zum Anstieg entschlossen hat, steil über Felsen und Wurzeln nach oben. Ich konzentriere mich auf meine Schritte und aufs Atmen. Wir kommen gut voran und es dauert nicht sehr lange, bis das Gelände wieder flacher wird, erste Beerenheide in Sicht kommt und mir das deutliche Aroma von Schafkötteln in die Nase steigt - das Plateau ist in Reichweite! Hier hat uns die Abendsonne wieder und Heiko findet einen Zeltplatz auf einem heidebewachsenen Mugel mit freier Sicht auf Gletscher in drei Richtungen. Während wir essen und in den Sonnenuntergang träumen, zähle ich die umgebenden Wasserfälle und komme auf mehr als 10 Stück, der lauteste davon rauscht nicht weit vom Zelt aus durch den Wald zu Tal. Da das Wetter gut bleiben soll, entschließen wir uns dazu, das Buerdalen morgen einmal längs zu durchwandern, am Sandvevatnet abzusteigen und in Odda gegebenenfalls ein Taxi zurück nach Buer zu nehmen. Der Tag war lang und bald, nachdem die Sonne hinter dem Gletscher verschwunden ist, liegen auch wir in unseren Schlafsäcken. Es ist mild genug, dass das Außenzelt offen bleiben kann. Ich bin gespannt, ob wir morgen auch wieder auf eine “Nebelsuppe” blicken oder gar darin stecken werden.