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17. 8. - Ein langer Weg mit Himbeeren

17. 8. - Ein langer Weg mit Himbeeren
Morgens im Buerdalen

Ich wache auf, sobald es draußen hell wird, und luge neugierig aus dem Zelt, um herauszufinden, ob wir in einer Nebelsuppe stecken - aber die Sicht ist klar und die aufgehende Sonne taucht den Gletscher vor uns in rosa Alpenglühen. Während des Frühstücks entschließen wir uns, nicht den direkten Weg zurück zum Auto einzuschlagen, sondern eine größere Runde zu wählen, die uns quer über das Hochplateau bis zum Sandvevatnet und dann in einem Bogen zurück nach Odda führt. Für den Rest des Weges wollen wir uns dann ein Taxi nehmen.

Der Abstieg durch das Buerdalen ist wunderschön und führt über Bäche und Flüsse, urige Wälder und Almlandschaften. Unterwegs verliere ich leider den Deckel der Trinkblase an einem Wildbach, aber wir kommen zum Glück an genug Wasserläufen vorbei, um mit dem, was wir in die kleine Trinkflasche nachfüllen können, über die Runden zu kommen. Dennoch ärgere ich mich ganz schön darüber.

Der Abstieg nach Odda verläuft in Stufen, steile Abstiege wechseln sich ab mit langgezogenen, ebenen Abschnitten. Größere und kleinere Gewässer funkeln in der Vormittagssonne und einer der Gletscherbäche ist nie weit weg.

In Liasete, der nächsttieferen Stufe, stoßen wir auf eine bewirtschaftete Alm mit Schafen und Kühen, die sich neugierig nähern.

In der nächsten "Stufe" liegt ein türkisgrüner Gletschersee, in den sich der Bach als Wasserfall ergießt. Rund um den See stehen einige Ferienhütten, die sogar einen Lastenaufzug vom Tal aus betreiben. Dahinter geht es unvermittelt an den Abstieg nach Odda, und zwar so direkt wie möglich auf einer Art Steintreppe. Eigentlich gut zu gehen, aber mir ist das alles etwas unheimlich und müde werden die Beine langsam auch, so dass wir langsam vorankommen. Als wir auf einem kleinen Wanderparkplatz herauskommen, wo gerade zwei Polizisten eine Landkarte konsultieren, bin ich froh, einfach nur geradeaus marschieren zu können - das waren sehr lange fünf Kilometer! Wir folgen der Asphaltstraße bis nach Odda und finden auf dem Weg mehrmals Himbeerbüsche mit reifen Früchten.

Am "Trolltunga" Campingplatz am Stadtrand von Odda werfen wir die Rucksäcke von uns und telefonieren nach einem Taxi zurück zum Auto, nach Buer. Bis das daherkommt, dauert es auch wieder eine ganze Weile und ich bin echt müde. Beim Auto gibt es dann erstmal etwas zu essen.

Wir machen einen kurzen Stop in Odda selbst, schauen uns den Hafen und den Netflix-Stein an und finden doch tatsächlich in einem der zahlreichen Sportläden einen Ersatz für unsere Trinkblase - mit fest verbundenem Deckel, der nicht abhauen kann.

Mittlerweile neigt sich der Nachmittag, ich bin immer noch recht müde und wir beschließen, noch ein bisschen zu fahren. Ein Stück entfernt liegt das Bladalen, das mich bei der Reisevorbereitung interessiert hat - ein Hochtal direkt am Folgefonna, in dem es Wandermöglichkeiten um mehrere Stauseen gibt und auch einen Zugang zum Gletscher. Dafür müssen wir allerdings erstmal auf dessen westliche Seite gelangen; wir fahren hinaus aus Odda und direkt in den beeindruckenden 11 km langen Folgefonntunnel. Auf der anderen Seite halten wir an der ersten Tankstelle und genehmigen uns Soda und hot dogs. In Hoyland folgen wir dann der Straße vom Fjord weg in die Berge, erst durch urige Nadelwälder, die aber sehr schnell einer offenen Berglandschaft weichen. Das letzte Stück ist sehr steil, dann ist die Straße zu Ende und wir stehen an einer Staumauer.

Hier oben ist es kalt, ein eisiger Wind fegt vom Gletscher her über den See. Die Lichtstimmung ist seltsam, einzelne Wolken beschatten das Wasser und malen Lichtpunkte auf die Hänge, das blaue Wasser und das Eis. Die Landschaft ist hügelig, weit und kahl, ohne Bäume oder Sträucher, optisch dominieren Wasser und kahlgeschliffener Fels. Es stehen nur zwei Autos auf dem Parkplatz, eins gehört zwei Einheimischen, die gerade Seile und Gerät verstauen - drauf angesprochen, ob sie klettern waren, erklären sie, ein Schaf geborgen zu haben. Sie empfehlen uns die Wanderung zum Svelgabreen, auf die ich auch schon ein Auge geworfen hatte - allerdings nicht mehr heute, denn sie ist 5 km lang und mittlerweile weiß ich genau, was ich davon zu halten habe!

Ein Stück in die Richtung gehen wir allerdings schon, die Ruhe während der Fahrt und die neuen Eindrücke haben meine Fußmüdigkeit weitgehend vertrieben und so stapfen wir mit den Rucksäcken über die Staumauer, auf einen kleinen Aussichtshügel - wo wir kurz einen Hauch von Internetempfang haben, ansonsten ist hier in der Hinsicht nichts zu wollen - und über eine weitere Staumauer auf eine grüne Hochebene. Unter uns rauscht der Abfluss des oberen Stausees zu Tal, der Anblick ist ehrfurchtgebietend und der gut einen Meter breite Betonsteg fühlt sich plötzlich sehr schmal an. 

Auf einem Hügel mit schöner Rundumsicht und Blick auf zwei Seen schlagen wir das Zelt auf; beim Wasserholen treffe ich eine kleine Gruppe mit Hund, die ihre Zelte direkt am See aufgeschlagen haben. Wir kommen kurz ins Gespräch, es sind Sachsen, die den Gletschersee mit Kajaks erkunden werden. Sie bieten uns an, morgen früh ihr Kajak auszuleihen, wir haben aber andere Pläne.

Das Wasser aus dem See ist glasklar und wie erwartet sehr kalt; beim Wasserholen streift meine Hand derbe Moospolster unter Wasser. Ich bin nicht sicher, ob sie zur Unterwasservegetation gehören oder ob der Wasserstand derzeit höher ist als üblich; die Massen an abfließendem Wasser sprechen dafür, die Folgen des Klimawandels sind hier sehr spürbar. Wer weiß, wie lange es diese Gletscherzungen noch geben wird? Es ist ein schwieriges Thema, denn auch wir tragen zu dieser Katastrophe unseren, wenn auch vergleichsweise winzigen, Teil bei.

Beim Auspacken der Inneneinrichtung stellen wir fest, dass wir beim Auswählen des Zeltplatzes einen fiesen Hubbel übersehen haben, sind jetzt aber auch zu faul, das Zelt neu zu positionieren, also arrangiere ich mich halbwegs auf ihm. In der Nacht gibt es einen kurzen, aber heftigen Schauer, der mich für eine Weile in Aufregung versetzt, denn ich stelle mir schon den Rückweg über feuchte, glatte Steinplatten vor. Am nächsten Morgen ist aber schon alles wieder trocken.