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20. 8. - Tag der Touristenstrecken: Strynfjell, Geiranger, Trollstigen

20. 8. - Tag der Touristenstrecken: Strynfjell, Geiranger, Trollstigen
Am Strynfjell

Die Nacht ist ein bisschen unruhig; immer wieder werde ich von Grunzgeräuschen geweckt, die ich nicht zuordnen kann und die mich natürlich erstmal um den Schlaf bringen, später dann schreit ein anderes Tier gellend - es wird mal wieder klar, wie gut wir daran tun, normalerweise nicht im Wald zu zelten, denn hier ist viel zu viel los.

Der Morgen jedoch ist umso strahlender, kaum ein Wölkchen ist am Himmel. Während ich auf den Schlaf gewartet habe, konnte ich am Telefon noch den Hintergrund dieses relativ breit ausgebauten Pfades recherchieren, an dem wir zelten: es ist ein alter Zugangsweg zu einer Alm, der im späten 19. Jahrhundert aufwendig teilweise freigesprengt, teilweise befestigt wurde, um das Vieh auf- und abtreiben zu können. Die Überreste von Gebäuden in der Nähe der Straße allerdings sind deutlich jünger und stammen aus dem zweiten Weltkrieg.

Nach dem Frühstücksbrei mit reichlich süßen und saftigen Heidelbeeren lassen wir das Zelt stehen und erkunden den Weg noch ein Stück, er wird noch recht abenteuerlich mit einem Schneefeld und Wasserläufen, hauptsächlich ist er aber einfach märchenhaft, vor allem im morgendlichen Sonnenschein.

Zurück vom Spaziergang bauen wir unser Lager ab und machen uns auf zum Auto. Es geht weiter den Berg hinauf und wir wollen schon in den Tunnel nach Geiranger einbiegen, da sehen wir, dass es die alte Passstraße noch gibt und schlängeln uns das Strynfjell hinauf. Die Straße ist spektakulär; Wildbäche rauschen durch das grüne Tal, die Aussicht zurück ins Tal wird schöner und schöner, vereinzelte Kühe tragen zur Dekoration bei. Ganz oben auf dem Berg dann ist noch tiefer Winter, Eisschollen treiben auf dem See und auf einem unverwüstlich scheinenden Schneefeld parkt eine Pistenraupe, die auf den Rückkehr der Saison wartet.

Ein Stück hinter der Passhöhe kommen wir am Dalsnibba vorbei, einem Aussichtspunkt, von dem ich schon gelesen habe. Gegen eine Maut von 200 Kronen kann man bis ganz nach oben fahren und die Aussicht bis hinunter nach Geiranger genießen und da das Wetter so schön ist, tun wir das tatsächlich. Nur eine Handvoll Autos stehen oben, wir verfolgen mit den Augen die Windungen der Straße bis dorthin, wo, ganz weit entfernt, der blaue Fjord aufblitzt.

Eigentlich ist dieser Fjord ohne mindestens ein Kreuzfahrtsschiff gar nicht denkbar, aber Corona hat diesem Wahnsinn vorübergehend den Garaus gemacht und so treffen wir kaum jemanden, als wir langsam vom Dalsnibba wieder zu Tal kurven, durch den winzigen Ort Geiranger selbst und auf der anderen Seite des Fjords wieder hinauf, die berühmte Passstraße, deren Kurven nach Vögeln benannt sind, deren höchste und bekannteste der Ørnesvingen ist: der Adlerflügel. Eine kleine Aussichtsplattform ist hier an den Straßenrand gebaut und der Blick auf den Fjord ist spektakulär.

In Eidsdal endet die Straße unvermittelt an einem Fähranleger und wir nehmen unsere erste Fjordfähre. Das Erlebnis ist sehr unbürokratisch, ein Mitarbeiter fotografiert unser Nummernschild. Nach kürzester Zeit legt die Fähre auch schon ab und bringt uns auf die andere Seite. Hier führt die Straße uns wieder auf eine karge Hochebene voller Moore und Wasserläufe, die in einer schroffen Klippe endet: Hier beginnt der Trollstigen, eine von mehreren mächtigen Wasserfällen gesäumte Serpentinenstraße hinunter nach Andalsnes. Auch hier ist kaum Verkehr.

Am Trollstigen

In Andalsnes machen wir an einer Tankstelle halt, verzehren im Sonnenschein Hot Dogs und Kaffee und wenden uns dann in Richtung Dombas, denn wir wollen heute abend im Døvrefjell zelten. Das anfangs noch weite Tal, von vertikalen Felswänden begrenzt, engt sich ein und wird bewaldet. Die Rauma, ein spektakulär grüner Fluss, begleitet uns und fließt mal ruhig in klaren, tiefen Becken dahin, dann wieder rauscht sie über Wasserfälle und Stromschnellen. Später kommen wir durch Orte wie Lesjaskog, das sich klar dem Wintersport verschrieben hat und auch Dombas erinnert mich sehr an Orte aus den Skiferien meiner Kindheit. In Dombas kaufen wir fürs Abendessen Waldpilzsuppe und ein Fladenbrot ein und trinken nochmals einen Kaffee, dann wenden wir uns dem letzten Teil der Strecke zu, Richtung Kongsvoll.

Der Himmel hat sich mittlerweile bewölkt und das Licht hat eine dräuende Qualität angenommen. Den Nadelwald haben wir hinter uns gelassen, es gibt nur noch Birken und Weiden, weite Moore und Wasserflächen und einen scharfen Wind, der durch das alles fährt und die Unterseiten der Blätter und die Wellen auf den Wasserflächen silbern leuchten lässt. Wir sind mittlerweile auf fast 1000 Meter Seehöhe und es sieht kalt aus. Absurderweise kommen wir an einem Paar vorbei, das gerade ein Bad in einem der vielen Seen nimmt.

Wir statten dem Snøhetta viewpoint einen kurzen Besuch ab, wo wir allerdings wegen Gegenlichts wenig sehen können. Zur Kongsvold Fjellstue ist es nun nicht mehr weit; von hier aus führen etliche Routen ins Døvrefjell und die westliche davon ist heute unsere. Auf der Brücke direkt neben der Straße passiert uns fast noch ein kleines Malheur: Durch eine Riss im Zeltbeutel, den wir uns schon am Sollifjellet zugezogen hat, ruckelt sich der Beutel mit den Zeltstangen Richtung Freiheit und kommt zu unserem großen Glück auf der Brücke und nicht eine Etage tiefer im Fluss zu liegen.

Der Weg schlängelt sich gemächlich den Hang hoch und führt uns aufs Fjell. Bäume kommen hier nicht mehr vor, allenfalls knöchelhöhe Weiden und die bestimmenden Farben sind das Silberweiß der Rentierflechte und das Grün der Krähenbeeren, das sich im Abendlicht fast neonfarben aufnimmt.

Obwohl ich angestrengt nach Moschusochsen ausschaue und bei jeder Bewegung, die ich sehe, in Aufregung gerate, sind es ausnahmslos andere Wanderer. An einem flachen Hang schlagen wir das Zelt auf; es ist immer noch windig und mir ist ziemlich frisch, so dass ich erstmal eine Runde aufwärmen im Schlafsack brauche - eine große Umstellung zu den sommerlichen Verhältnissen der letzten Tage.

Zum Abendessen gibt es die Waldpilzsuppe aus Dombas; das Fladenbrot allerdings ist deutlich süß und entpuppt sich eher als Dessert.