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Dienstag, 10. 7. 19 - Waffeln mit Käse, Husoy und der unerwartete Berg

Dienstag, 10. 7. 19 - Waffeln mit Käse, Husoy und der unerwartete Berg
Nachts auf dem Barden

Als ich aufwache, tut mir jeder Muskel weh, die Beine, der Trizeps vom ungewohnten Gebrauch der Stöcke und, besonders merkwürdig, meine Bauchmuskeln. Später am Tag finde ich heraus, dass letzteres vom Balancieren über die Steine kommt - kilometerweit geradeaus latschen, kein Problem, aber ich bin eben doch Widder, kein Steinbock.

Der Himmel ist überraschenderweise von einer dünnen, aber gleichmäßigen Wolkendecke überzogen. Auf einem sehr malerisch gelegenen Felsen koche ich Wasser für unseren Porridge; während wir ihn essen, flattern mit lautem “hülü, hülü”  zwei Austernfischer vorüber. Zwecks Körperpflege begeben wir uns an den nahen Steinstrand, Waschen in Schichten: erst oben, dann unten. Trotz des salzigen Wassers fühlen wir uns danach erfrischt und definitiv sauberer als vorher. Dann ist es auch schon Zeit, das Zelt einzupacken und zurück in den Ort zu marschieren. Mittlerweile fühlt sich das kurze Wegstück schon sehr vertraut an und doch lassen wir es nun zurück.

Auf der Straße zurück nach Botnham passieren wir ein deutsches Auto und das dazugehörige Zelt, das keine zwei Meter vom Kofferraum entfernt im Sumpf neben der staubigen Straße aufgebaut ist. Nein, danke, dann doch lieber ein paar Schritte gehen!

Da wir schon fast in Botnhamn sind, gern ein Brot kaufen würden, uns nach Kaffee sehnen und OSMand sagt, dass es dort einen Laden gibt, wenden wir uns ins Ortszentrum. Der Joker-Laden ist nicht zu übersehen und gar nicht so klein, zudem gibt es im ersten Stock einen gut ausgestatteten Kramladen für alles von Strickwolle (Viking Garn ist groß) bis zu Gummistiefeln sowie eine Kaffeebar! Nachdem wir unter Ächzen die Treppe erklommen haben, nehmen wir an einem der Tische Platz und genießen den schönen Blick auf den Hafen und die Boote. Der Kaffee ist so lala und die Waffeln sind mit einer eigenartigen Kombination aus Butter und braunem Käse gefüllt, was gar nicht mal schlecht schmeckt und als zweites Frühstück definitiv taugen kann.

Während der Nacht ist in mir der Plan gereift, das mit dem Übernachten auf Bergen zu versuchen, aber vielleicht erst einmal mit einem kleineren Berg. Der Daven, eine sanfte Kuppe von etwas über 300 Höhenmetern über dem Ornfjord, kommt mir in den Sinn. Er liegt auf dem Weg zu allerhand höheren Gipfeln und auf dem Weg dahin können wir Husoy einen Besuch abstatten, ein malerisches Fischerdorf, dessen Häuschen sich komplett auf einer flachen, vorgelagerten Schäre drängen, eingefasst von steilen Abhängen, die besiedelungsmäßig nicht viel hergeben. Die Insel ist über einen Damm erreichbar, südlich davon liegt der Hafen, nordwärts eine zwei Meter hohe Flutmauer, die weniger freundliche Witterungsverhältnisse ahnen lässt.

Wir spazieren durch die wenigen Sträßchen der Insel, vorbei an einer Fischfabrik, einem Kramladen und vielen kleinen Wohnhäuschen. Auch hier strotzen die Straßenränder vor Blumen. Nordwärts liegt sogar eine kleine Heidefläche mit einem Leuchtturm. Aus dem niedrigen Grün leuchten tiefrot unreife Moltebeeren.

Auf dem Rückweg kehren wir in “Renates Sommercafé” ein: in etwas, das sehr nach einer Mischung aus Sporthalle und Gemeindezentrum aussieht, werden Kaffee, selbstgebackener Kuchen und Souvenirkram verkauft. Wir investieren beide 50 Kronar in etwas, das aussieht wie schwedische Apfeltorte, aber etwas anderes ist und neben reichlich Karamell auch Dörrpflaumen enthält - das Geschmackserlebnis ist durchwachsen. Darüber hinaus gibt es bestickte T-Shirts mit Senja-Silhouette und Schriftzug, von denen eines mitdarf.

Bevor wir zur Bergwanderung aufbrechen, versorgen wir uns noch mit frischem Trinkwasser und halten schließlich auf einem Parkplatz auf der anderen Seite des Tunnels, um festzustellen, dass ich mich vertan habe und das gar nicht der Ausgangspunkt ist, sondern wir noch einen Fjord weiter müssen - immerhin finden wir das heraus, bevor wir auf Wildwechseln den halben Hang hinaufgekraxelt sind. Ein paar Kilometer weiter halten wir an der korrekten Stelle an der Straße vor dem Ornfjordtunnel, hier steht sogar eine kleine Infotafel und ein markierter Weg führt den grünen Hang hinauf. Hier geht es über den Davkollen-Sattel auf den Daven, in die andere Richtung aber auch auf den Barden - der ist aber über 600 Meter hoch und bleibt daher außen vor.

Langsam stellt sich beim Rucksackpacken eine gewisse Routine ein, immer mit der Frage, was man noch alles zurücklassen könnte. Zentral ist diesmal das Wasser, denn oben auf den Bergen gibt es keines, der Aufstieg wird aber schweißtreibend sein und so packen wir beide Flaschen und die Trinkblase ein. Gleichzeitig ziehe ich meine wärmere Wanderhose an, denn der Himmel ist nach wie vor ziemlich bedeckt und oben auf dem Sattel wird es kühl sein.

Es ist schon nach vier, als wir uns an den Aufstieg machen und uns kommen überraschend viele Leute, auch Familien mit Kindern, entgegen. Eine davon spreche ich an, wie es oben war und die Frau berichtet, es nicht ganz auf den Barden geschafft zu haben, da es ihr unheimlich geworden ist. 

Schnaufend arbeiten wir uns den Hang hoch, immer wieder müssen wir große Matschstellen umgehen, trotzdem sind wir überraschend zügig auf dem Sattel und auf fast 300 Metern angekommen. Der Blick auf den hingebreiteten Eksfjord ist bereits jetzt hinreißend. Dort halten wir noch einen kleinen Schwatz mit drei Dänen, die auf dem Barden waren und die dortigen Zeltmöglichkeiten anpreisen und nachdem ich noch nicht müde bin, entschließen wir uns spontan ebenfalls zum Aufstieg, statt auf dem Sattel zu campen. Der Weg schlängelt sich gemütlich dahin, führt über eine kurze Klettereinlage, bei der mir etwas mulmig wird, um sich dann wieder gemütlich dahinzuschlängeln. Wir gewinnen allmählich Höhe und machen viele Fotos, während zur Linken allmählich die dunkle Wasserfläche des Mefjords sichtbar wird. Freundlicherweise führt der Weg etwas unterhalb des Grats entlang, so dass ich ohne größeren Nervenkitzel einherstapfen kann.

Plötzlich stehen wir auf einem ausgedehnten Plateau, an dessen Ende nur noch ein bescheidener Hügel aufragt: der Gipfel, dessen Geräumigkeit von unten nicht zu erahnen war. Ich staune.

Über dem Aufstieg ist es Abend geworden und es sind nur noch wenig andere Wanderer auf dem Gipfel. Eine eigentümlich düstere Lichtstimmung liegt über dem Gipfel, über uns hält sich noch eine dünne Schicht Fächerwolken, weiter draußen auf dem Meer liegen winzige Sonnenflecken. Ich schäle mich aus den verschwitzten Klamotten und ziehe mir ein gefühltes Dutzend Trockene an. Beim Wandern über den Gipfel fällt mir ein orangerotes Zelt auf, das in eine Felsnische installiert wurde. Der Besitzer ist Gunnar aus Lüneburg, mit dem wir ins Gespräch kommen. Er ist schon seit ein paar Tagen zu Fuß auf Senja unterwegs. Wir schwatzen, die Sonne sinkt langsam und malt dramatische Lichter auf das Wasser, während die Wolkendecke zusehends aufreißt. Auf dem Plateau finden wir einen schönen, nordwärts blickenden Platz für das Zelt und genehmigen uns die erste Yum-Yum-Suppe des Urlaubs. Danach lustwandeln wir kreuz und quer über den Gipfel und erkunden die beiden markierten Pfade, die nordwärts Richtung Fjordgard zu Tal führen. Aufgestiegen sind wir ja aus Süden, aber der Abstieg über den Sattel lockt noch einmal mit etwas Neuem, von dem Burgerladen in der Ortschaft ganz zu schweigen - aber das ist, wie angenehm, ein Thema für morgen. Heute nacht dürfen wir hierbleiben. 

Zum Glück ist von Höhenangst nichts zu bemerken, auch wenn der Gedanke an den steilen Abstieg zum Sattel mir leichtes Gruseln bereitet.

Nach elf wird es kühl draußen, aber der Ausblick ist zu schön, um ins Zelt zu gehen und so zerren wir Isomatten und Schlafsäcke ins Freie, genießen den Ausblick und die Stille, jedenfalls, nachdem Bodo mit dem Bagger um kurz vor Mitternacht endlich den Feierabend angetreten hat. Es ist völlig windstill, was zur verwunschenen Eigenartigkeit der Situation beiträgt. Die sinkende Sonne taucht das Meer in orangerotes Licht, das sich ins Lilafarbene wandelt: Sonnenaufgangsstimmung um halb zwei in der Nacht.

Nun ist es doch Zeit für die Nachtruhe im Zelt, allerdings nur kurz, denn um halb vier wache ich auf, luge hinaus und stelle fest, dass der Ornfjord komplett mit Wolken angefüllt ist, auf die wir hinabblicken wie auf ein wattiges Meer und das kann nicht verschlafen werden. Die Sonne steht noch immer tief und malt dramatische Schatten in die Wolkentäler. Wie ein sehr langsamer Wasserfall fließt unter uns eine dünne Wolkenschicht über den Sattel in den Mefjord hinüber. Auch der Davkollen und die Südspitze des Mefjord hin zum dramatischen Felsaufbau des Breitinden sind angefüllt mit Nebel und ich atme tief durch. Noch nie habe ich von einem Berg aus Wolken von oben gesehen, sie verändern die Stimmung vollkommen, umgeben uns mit einer magischen Einsamkeit. 

Nicht ganz einsam: Da ist ja noch Gunnar und zwei weitere Zelte, die wir beim Herumwandern erspähen und deren Inhaber wohl erst spätnachts eingetroffen sind.

Welch ein Glück, umdisponiert zu haben und nicht auf dem Davkollen geblieben zu sein! Dort hätten wir uns höchstens über die plötzliche starke Bewölkung oder gar den Nebel wundern können. Nach langen Minuten des Staunens siegt dann doch die Vernunft und es geht zurück in die Schlafsäcke.