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Dienstag, 10. 8. 22 - Hinter dem Wasserfall oder: Lerne deine Umgebung kennen

Dienstag, 10. 8. 22 - Hinter dem Wasserfall oder: Lerne deine Umgebung kennen

Der Morgen kommt mit eigenartigem Licht; zu Sonnenaufgang ist es noch klar, um sich dann in den Stunden darauf zuzuziehen, bis mir um acht die Idee kommt, mal den Regenradar zu überprüfen. Ab da geraten wir in Bewegung, denn Regen ist angesagt. Die Berglandschaft hat ihr Gesicht verändert, alles ist grau und kahl mit gelegentlich tiefhängenden Wolken, auch wenn die Fernsicht nach wie vor vorhanden ist. Es fühlt sich ein bisschen an wie auf dem Reinesaksla in Helgeland letztes Jahr, nur dass der Abstieg hier bloß ein Spaziergang ist.Der Wind kühlt ganz schön und ich ziehe Mütze und Fleecejacke an, auch, um die von der Nacht noch zerrupften Haare zu bändigen. Heiko hat Probleme mit der rechten Schulter, was wohl auf den Sturz von gestern zurückgeht und ihn für den Rest des Urlaubs begleiten wird.

Da es immer wieder tröpfelt, halte ich das Tempo hoch und so wird es schnell warm. Der Rundweg führt uns östlich um den vorderen Gupf herum und ist hübsch zu gehen, ansonsten gibt es wenig Sehenswertes und die 3 Kilometer zurück zum Auto sind schnell zurückgelegt.Ein uns jetzt akut betreffendes Problem der Gegend um Engerdal ist es, dass es bis Trysil keine Tankstellen gibt, wo man mal einen Kaffee bekommen könnte, denn das Frühstück ist aufgrund prä-Regen-Hektik mal wieder flachgefallen. Die einzige Quelle in der ganzen Umgebung scheint die Solenstua Kafeteria zu sein und so setzen wir Kurs dahin; ein Platz zum Sitzen, während wir Pläne für die nächsten Tage machen, wäre gar nicht schlecht, denn der Wetterbericht macht mir eher nicht so gute Laune.

Ich bin überzeugt, dass wir, wenn wir der Straße weiter folgen, das westliche Tal erreichen, aber die Realität ist gegen mich und so fahren wir zurück nach Engerdal und Richtung Femundsee nach Solenstua, wo wir nur noch ein paar Minuten warten müssen, bis das Café aufsperrt. Dort sind wir für eine Weile die einzigen Gäste, begucken das Eichhörnchen auf der Terrasse, haben Spiegeleier und Kaffee sowie die Gesellschaft des Wirts, der viele Jahre auf Fähren und Kreuzfahrtschiffen gekocht hat (unter anderem auf der Fähre Oslo-Kiel) und im Winter, wenn sein Restaurant schließt, immer noch zur See fährt.

Da wir nach dem Gespräch immer noch keinen Plan haben und es draußen grau ist, bestelle ich noch eine Waffel (mit Romme und unglaublich gutem Erdbeerkompott) und einen weiteren Kaffee. Der Plan sieht letztendlich vor, dass wir uns heute weiterhin in dieser Gegend aufhalten werden, denn überall anders sieht es grauslich aus und auch ein push nach Norden lohnt sich überhaupt nicht. Das ist nicht gerade unsere Wunschvorstellung, aber zu ändern ist es auch nicht und mit einem guten Frühstück im Bauch lässt es sich doch gut aushalten. Ich suche uns eine kleine Wanderung östlich von hier heraus, es geht durch den Wald zu einem Wasserfall, eine schöne Abwechslung zum Kahlfjell, das uns heute abend wieder erwartet.Also fahren wir mal wieder durch Engerdal, am Engeren entlang, wo sich die Wolken ein bisschen für uns öffnen und südlich des Sees dann rechts auf eine Mautstraße zu einer monumentalen Hüttensiedlung. Der Waldweg am Bach entlang ist wildromantisch und man kann sogar hinter den Wasserfall steigen, von wo aus Heiko unsere Trinkflasche neu befüllt. Nach ein bisschen Gekraxel machen wir oberhalb des Wasserfalls Pause mit Blick auf die gerölligen Hänge und machen uns dann auf den Weg zurück zum Auto. Nach einem kurzen Ausflug nach Trysil, da es noch früh am Tag ist, steuern wir das Tagesziel Skagsvola an; diese Wanderung hat Heiko herausgesucht, sie führt als Schleife zu einem Grat über dem Engerensee. Aus unerfindlichen Gründen ist sie bei UT.no als “schwierig” eingruppiert.

Auf der Anfahrt fängt es schon wieder an, etwas zu tröpfeln, aber als wir aufbrechen, ist es zwar reichlich grau, doch trocken. Dieser Weg dürfte, unter der Obhut einer engagierten Gruppe Ehrenamtlicher, der bestgepflegte Wanderweg sein, den ich in Norwegen in meinem Leben zu Gesicht bekommen habe. Schon der Parkplatz hat großangelegte Schilder in verschiedenen Sprachen, eine Schutzhütte und Klohäuschen. Zunächst führt ein gekiester, breiter Weg durch eine ebene Heidefläche, daraufhin schlängelt sich ein zum größten Teil mit Bohlen ausgelegter Pfad bei unerträglich geringer Steigung durch den knorrigen Wald. Es ist wirklich so, dass mir die geringe Steigung zu schaffen macht; für mein übliches Tempo ist es zu viel, ich schwitze und schnaufe, für “Bergauftempo” hingegen ist es viel zu flach. So ist der Aufstieg trotz der bequemen Bohlenwege irgendwie nervig und es dauert gefühlt Stunden, bis der Wald sich lichtet und wir den steinigen Aufbau ersteigen, wo es endlich ein bisschen mehr bergauf geht - sofort fühle ich mich besser. Dann sind wir auch schon auf dem südlichen Ende des Grats und Heiko findet sofort ein Plätzchen für das Zelt - aus dem Weg, mehr oder weniger direkt am Abgrund, aber mit einer hübschen improvisierten Bank und toller Aussicht über den See.Jemand, der vor uns hier war, hat sogar Holz für ein Lagerfeuer gesammelt - ob wir es heute abend in Gang bringen? Aber wir hätten wissen sollen, dass Gedanken an Lagerfeuer traditionell stundenlangen Dauerregen zur Folge haben!

Da es noch nicht spät ist, ist nach dem Aufbau Zeit für Gipfeldinge wie eine kleine Wanderung über das Plateau; ich will einmal bis zur Stelle gucken, wo der Grat sich verengt, um zu sehen, ob er mir nicht für den Abstieg zu unheimlich wird, denn mir sitzt immer noch die “rote Route” im Nacken. Der Gipfel ist ein bisschen geröllig und der Weg führt teilweise über größere Felsen, ist aber einfach zu gehen und Heiko spottet einstweilen vom “heiligen Grat”. Eine Auflösung bringt der Abend nicht mehr, denn bevor wir weit genug kommen, kündigt sich eine dicke Regenwolke an und wir spazieren zurück zum Zelt. Während wir in der Apsis Hühnersuppe essen, können wir zusehen, wie der See von Engerdalen her zunehmend im Regen verschwindet und als der Niesel auch bei uns ankommt, ist es Zeit für ein bisschen “Woken Furies” und dann die Nachtruhe.