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Dienstag, 12. 9. - Hljodaklettar, Raudholar, Asbyrgi, Sandstrand, Raudinupur, Sturmnacht I

Dienstag, 12. 9. - Hljodaklettar, Raudholar, Asbyrgi, Sandstrand, Raudinupur, Sturmnacht I

Morgens kein Regen, allerdings ist die Wäsche trotz Verfrachtens ins Küchenhaus nicht nennenswert getrocknet. Zum Glück hat Heiko direkt einen Plan B parat: Wir wollen ein Stück zurück nach Süden, um an den Hljodaklettar zu wandern. Auf dem Weg dahin dreht er die Heizung des Jeeps voll auf und wir drapieren die nassen Klamotten auf den Lüftungsschlitzen. Ich habe nicht genug Hände, um all die Teile festzuhalten, die sich bei jeder Straßenunebenheit selbständig machen wollen und davon hat die Straße des Horrors ja reichlich zu bieten. Dennoch trocknet die Wäsche auf die Art zügig und verbreitet ein dezentes Käsefuß-Aroma im Auto. 

Bei Jökulsargljufur angekommen staunen wir über den großen, gut ausgebauten und völlig leeren Campingplatz, ich nutze das fließende Wasser am Toilettenhäuschen, um mir die Haare zu waschen und wir erkunden auf einem der gut ausgebauten Wege die Höhlen und Basaltformationen des Tals. Lava und Vulkangase unter dem Gletscher haben bizarre Spiralen und Rosetten zurückgelassen und in einer der Höhlen fühle ich mich sehr klein. Es sind kaum andere Wanderer unterwegs und wir umrunden das Tal bis zum mittlerweile für Fußgänger gesperrten “roten Berg”, dessen ziegelrote Flanke steil zum Fluss hin abfällt. Unter uns rauscht die mächtige Jökulsa a Fjöllum relativ friedlich dahin, aber wir lassen uns nicht täuschen, wir haben den Dettifoss noch gut im Gedächtnis. Der Ausblick auf Basalt, Heide und schon leicht herbstlich verfärbtes Birkengesträuch ist monumental und friedlich und die Sonne spitzt immer wieder durch die Wolken.

Als wir zurück zum Auto kommen, das mit der überall drapierten Wäsche einen reichlich merkwürdigen Anblick bietet, ist tatsächlich alles getrocknet. Kurz überlegen wir nach der Wanderung, die Nacht hier zu verbringen, aber es ist einfach noch zu früh und das Wetter soll sich im Lauf des Tages verschlechtern, also rumpeln wir die Straße zurück nach Norden. Nach einem kurzen Abstecher in die Schlucht Asbyrgi mit den Steilwänden und dem malerischen grünen See geht es wieder zurück auf die Straße 85 und dann die 870 die Halbinsel entlang. Dort, wo sie auf die Küste trifft, spazieren wir am Delta der Jökulsa a Fjöllum einen langen, schwarzen Strandstreifen entlang und betrachten die Wellen, die anders als bei einem gewöhnlichen Sandstrand nicht zurückrollen, sondern im porösen Lavasand versickern und kleine Bläschen zurücklassen. Die eine oder andere tote Ohrenqualle ruht wie eine Kugel trübes Glas im Sand.

Der Himmel ist bewölkt, die Landschaft flach, grau und felsig, von Tümpeln durchzogen, nichts wächst außer der allgegenwärtigen Flechten. Gelegentlich fallen uns merkwürdige Konstrukte auf den Wiesen auf: Ballons, Pylone, bunte Plastikgetüme - später reimen wir uns zusammen, dass sie wohl Seevögel abschrecken sollen.

Es ist schon Nachmittag, als wir auf der Suche nach der von osMand angezeigten Wanderstrecke nach Norden zur Farm Nupskatla einbiegen und uns zum Glück nicht von dem Gatter abschrecken lassen - unter einem dräuenden Himmel landen wir am Kap Raudinupur, die Vogelfelsen düster am Ende der Bucht und ein paar Strahlen der Abendsonne tauchen Gras, Meer und Fels in unwirkliche Farben. Der Wanderweg zu den Felsen führt über einen steinigen Deich, der volle Konzentration erfordert, dann geht es die grasbewachsenen Klippen hinauf zur monumentalen Aussicht. Vogelmäßig ist nicht mehr viel los, aber einige Exemplare haben die Stellung gehalten, kreisen um die sea stacks und machen noch ordentlich Lärm dabei.

Mir gefällt es hier so gut und das Licht ist so wundervoll, dass wir noch ein bisschen bleiben wollen und ich kurzerhand beschließe, den Bauern von Nupskatla zu fragen, ob wir auf der Wiese am Meer unser Zelt aufschlagen dürfen. Irgendwie gelingt die Verständigung und wir schlagen das Zelt auf, leidlich windgeschützt hinter ein paar Treibholzstapeln, aber mit einer der besten Aussichten der Reise. 

Als der Abend sich neigt, wird die Sonne von dicken schwarzen Wolken gefressen und der kalte Nordwind wird zum Sturm, der das frühmorgendliche Pinkeln zu einer unwirklichen Erfahrung werden lässt. Im Dämmerlicht ist das Meer ein einziges, aufgewühltes Grau und auf der anderen Seite der Bucht schlagen die Wellen bis zur halben Höhe der Klippen.

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SoundRecord 2017 09 12 20 18 24
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