Dienstag, 16. 7. 20 - Der verlorene Kampf zu Ramberg
Nach einem sehr spartanischen Frühstück im Hotel machen wir noch einen zweiten kleinen Stadtrundgang, auf dem wir sowohl etwas zu essen als auch ein paar Souvenirs einkaufen - auf einem Sami-Markstand erwerbe ich ein Rentierfell und eine Kuksa. Selbige wird später noch das Misstrauen von Sicherheitskräften auf sich ziehen, da sie mit den zwei Fingerlöchern im Griff anscheinend suspekt aussieht.
Dann geht es über die Brücke, an der Eismeerkathedrale vorbei zurück auf die E6. Das Wetter ist trübe und grau, auf den Lofoten allerdings soll es schön werden und so schlagen wir uns dorthin durch. Die Fahrt ist ereignislos, wenn auch etwas zäh durch die Wohnmobile, die an jeder bescheidenen Anhöhe verhungern und auch ansonsten nicht durch zügige Fahrweise auffallen. Als wir die Bucht von Narvik passieren, liest Heiko reichlich Wissenswertes über die Schlacht von Narvik 1940 vor, wovon ich jetzt, etwa ein Jahr später, bereits wieder alles vergessen habe.
Dafür kann ich ihm von der Hurtigruten-Havarie im Raftsund erzählen, als wir die Brücke auf die Vesteralen überqueren.

Der Wetterbericht hat nicht gelogen, Richtung Süden klart das Wetter auf und die Landschaft wird attraktiver. Zeigten sich die Vesteralen noch mit großen grünen Tälern und reichlich Landwirtschaft, nehmen Richtung Lofoten die schroffen Berge zu. Die bleigraue Wasserfläche ist von Schären getupft. Kurz hinter Kabelvag biegen wir auf eine Halbinsel ein, um zu fotografieren und finden uns als Fremdkörper auf einem monumentalen Campingplatz, “Sandvika”, wieder. Zum Glück fällt ein Fremdkörper mehr oder weniger hier nicht auf. Schön ist der Ort schon, dennoch bin ich froh, hier nicht übernachten zu müssen. Unser Ziel liegt heute im Ort A an der Südspitze von Moskenesoya, der südlichsten Insel der Lofoten. Mit der umliegenden Landschaft habe ich mich per Karte schon ein wenig vertraut gemacht.

Von den Eindrücken der Fahrt ist mir wenig in Erinnerung außer dass es schön war, gebirgig und rauh, aber die Fahrstrecke war einfach zu lang, um alles Gesehene wirklich aufzunehmen und/oder von den nachfolgenden Ereignissen überschattet: Kurz hinter Leknes im Nappstraumentunnel gibt das Auto plötzlich schrille Töne von sich und vermeldet ungenügenden Öldruck. Wir vermuten zunächst eine unzureichende Ölmenge, sodass ich mich per Autostop auf zur nächsten Tankstelle mache, um Motoröl zu holen. Ich werde direkt von drei sehr netten Australiern in einem gemieteten Wohnmobil mitgenommen und lustigerweise haben sie genau das gesuchte Motoröl an Bord. Wir machen also nach einem Kilometer wieder kehrt, das Motoröl und eine Banknote wechseln die Besitzer. Leider ist das Problem damit nicht gelöst und die Motorengeräusche werden ebenfalls unerfreulicher. In einer Parkbucht kurz vor Ramberg bleiben wir endgültig liegen und verständigen den Schutzbrief unserer KFZ-Versicherung, womit wir beim aufnehmenden Angestellten einige Erheiterung verursachen. Schnell wird es nicht gehen, soviel ist klar.

In den nächsten Stunden telefonieren wir mehrmals mit der Versicherung, nicht jedoch mit dem Abschleppdienst, der uns angeblich anrufen soll - später stellt sich heraus, dass vermutlich die Versicherung die deutsche Vorwahl nicht übermittelt hat. In der Zwischenzeit gehen wir ein bisschen entlang der Straße spazieren - Wetter und Aussicht immerhin sind gut - und beobachten eine Familie aus Russland, die ihr Zelt auf dem Hügelchen neben unserer Parkbucht aufschlagen. Nach einiger Zeit spricht die Frau uns sogar an, ob wir nicht auch auf dem Hügel campen möchten - aber noch haben wir ja Hoffnung, dass der tow truck irgendwann auftauchen möge!

Tatsächlich biegt gegen halb zwölf ein sehr wortkarger Abschleppdienstmitarbeiter um die Ecke, lässt sich das Problem schildern und telefoniert mit dem tow truck, der dann auch um kurz vor Mitternacht eintrifft und mit Heiko zusammen das Auto verlädt. Er wiederum ist sehr nett und gesprächig und lobt unsere Englischkenntnisse - gerade die Nacht davor hat er ein Schweizer Pärchen abgeschleppt, die sich kaum verständigen konnten. Die Fahrt im Licht der Mitternachtssonne ist im übrigen wunderschön, das Meer liegt ganz still da, Kälber spielen auf der Weide und es ist eine sehr merkwürdige Gefühlsmischung, eine unheilvolle Situation vor wunderschöner Kulisse.
Das Auto kommt zu “Autoservice AS” nach Leknes und ich scanne OSMand nach Zeltmöglichkeiten in der Nähe, bevor ich mich entschließe, den Ortskundigen zu fragen. Er ist unheimlich hilfsbereit und fährt uns noch zu einem Seeufer in der Nähe seines Hofs, wo er uns auch am nächsten Vormittag wieder abholen und zur Autowerkstatt bringen wird. Der Platz liegt sehr idyllisch am kiesigen Ufer des Farstadvatnet, der Boden ist bedeckt von Blumen, im Hintergrund bimmeln leise die Kuhglocken. Mit immer noch sehr gemischten Gefühlen stellen wir das Zelt auf und fallen dann auch zügig in die Schlafsäcke.
