Dienstag, 5. 9. - Fischschützer, Berge & Täler
Nadelfeiner Regen wispert auf der Zeltplane, als ich aufwache, und ich stöhne leise. Als ich in der Dämmerung zum Pinkeln draußen war, hatte es noch so gut ausgesehen, nun hängen die Regenwolken wieder an den Berghängen. Als wir in einer Regenpause am Flussufer Chocopops frühstücken, hält ein Wagen und ein Einheimischer stapft über die Wiese. Er will sichergehen, dass wir nicht fischen, da der Fluss unter Schutz steht. Er stammt aus den Westfjorden, lebt aber in Dänemark und kommt nur auf Urlaub her, hat ein Sommerhaus am Ende des Tales - des “großen, langen Tales”, wie er übersetzt. Während wir uns unterhalten, setzt der Regen wieder ein.
Beim Zeltabbau fallen uns als freudige Überraschung Heikos Taschenmesser und der Anzünder für den Kocher aus einer entlegenen Nische entgegen. Kurz vor unserem Aufbruch ein weiterer Wagen, ein recht unerfreut wirkender Bauer spricht auf Isländisch auf Heiko ein, ich vermute, dass es ebenfalls um die Fische geht. “No fish!”, rufen wir ihm zu. Ob das zur Klärung beitrug, werden wir nie abschließend erfahren, aber schließlich geht ein jeder seiner Wege. Unserer führt nach einem Tankstop in Burdadalur über den Fellsströnd und den Skardsströnd in die Westfjorde. Die Küste der Halbinsel ist gewaltig in ihrer felsigen Kargheit, wozu auch die kurzzeitige Regenfreiheit beiträgt. Am Krossholaborg fällt uns der erste Saga-Stein auf, an dem eine Tafel von der Geschichte des Ortes berichtet - in diesem Fall von der Tatsache, dass eine gewisse Audur dort im 9. Jahrhundert ihr Frühstück aß und den Platz zum Beten aufsuchte.
An der Spitze läuft das Land in ein Archipel von Inselchen aus, das auf der Karte sehr schwedisch anmutet, in der Wirklichkeit aber in seiner karg blassgrünen Baumlosigkeit nicht weiter davon entfernt sein könnte. Den Deich über den Gilsfjord, das Tor zu den Westfjorden, sowie die ersten Pässe überfahren wir dann wieder im Nieseln, danach wird es besser, während die Straßen sich merklich leeren. Die Ausblicke von den Pässen sind atemberaubend, die Wolken haben sich gelüftet und die Abwesenheit von Bäumen erlaubt meilenweite Blicke ins Land.
An der Westseite des Kjalkafjords, an dessen Spitze mehrere Wasserfälle locken, halten wir an und folgen zu Fuß einer Schotterpiste, die unvermittelt im Wasser endet. Von Stein zu Stein kreuzen wir die allgegenwärtigen Flüsschen und finden einen Zeltplatz direkt am Wasserfall, doch als wir die Rucksäcke holen wollen, finden wir unsere Trittsteine nicht mehr vor. Wir müssen nicht lange philosophieren, um auf die Erklärung zu kommen: Es ist Flut , der Wasserstand im Fjord steigt noch. Nach einigem Hin und Her verwerfen wir den Zeltplatz wegen allgemeiner Unheimlichkeit und steigen um auf eine Halbinsel, ein grüner Buckel aus Fels, Moos und Blaubeergestrüpp, der malerisch in den Fjord hineinragt.
Es gibt eine bibbernde Katzenwäsche am Strand, aber nach dem wiedergefundenen Feuer immerhin ein warmes Abendessen in Form von Instant-Ramen. Geschmacksrichtung: Rind.
In der Nacht wache ich auf, weil Böen über das Zelt fegen und es immer wieder soweit flach drücken, dass das Innenzelt meinen Kopf berührt. Ich fröstle, grusle mich, möchte kurzzeitig gern wieder nach Hause und krieche tiefer in den Schlafsack.
