6 min read

Donnerstag, 12. 7. - Das wichtigste Urlaubsaccessoire und mehr Wolkentuchfühlung

Donnerstag, 12. 7. - Das wichtigste Urlaubsaccessoire und mehr Wolkentuchfühlung
Auf Flatneset

Morgens ist es wieder bewölkt und der Fjord liegt bleigrau und ruhig zwischen den Berghängen. Beim Waschen mit Meerwasser sehe ich einen schwarzen Krebs, der im Gegensatz zu mir nicht besonders erfreut über die Begegnung scheint und rasch unter dem nächsten Stein verschwindet. Zurück am Auto beschließen wir, die Bootsfahrt wetterbedingt zu streichen und fahren statt dessen einen Fjord weiter nach Skaland. Auf dem Weg kommen wir am Ersfjordstrand vorbei, einem von Senjas größten Sandstränden, der sich zu einer Art wildem Campingplatz entwickelt hat und wo ein kubistisch-goldenes Klohäuschen zu finden ist.

Nordwärts von Skaland gibt es ebenfalls bildschöne Sandstrände und in Skaland außerdem einen kleinen Supermarkt, wo wir uns mit Snacks eindecken, unter anderem Biola, einen Joghurtdrink. Kurz vor Mittag stehen wir dann am Strand von Bovaer. Die Kulisse ist wie aus dem Katalog: weißer Sandstrand, türkisblaues Wasser, eingefasst von steilen Bergen und dazwischen noch ein paar schmucke Holzhäuschen. Heiko macht weitere Langzeitbelichtungen und ich wandere am Strand entlang. Mit Entzücken stelle ich fest, dass der Sand ganz aus Korallen besteht und das Ufer übersät ist mit Korallenstücken, darunter weitaus größere als am Coral Beach auf Skye. Ein fast handtellergroßes kreisrundes Stück verschenke ich an zwei deutsche Rentner, die beiden einzigen anderen Spaziergänger.

Während des Strandspaziergangs reißt der Himmel auf und während der Rückfahrt den Fjord entlang reiht sich ein zauberhaftes Kitschmotiv ans Nächste. Vor dem blau leuchtenden Wasser drapieren sich halbverfallene Bootsstege und Büschel von Sommerblumen, im Hintergrund schmücken einzelne Wolkenreste die Berghänge. Auf dem Weg begegnen wir an der Straße übrigens noch Gunnar, der die Nacht doch nicht auf dem Husfjellet, sondern auf dem Hesten verbracht hat und davon schöne Dinge berichtet.

Wieder einen Fjord weiter soll es auf der Halbinsel Flatneset schöne Spazierwege geben und unterwegs dahin statten wir auch dem Aussichtspunkt über dem Bergsbotn einen Besuch ab. Kurz darauf führt die Straße über ein Bergtal mit einem kesselförmigen See, dessen bewaldete Hänge ihm ein mystisches Grün verleihen.

Der Spaziergang in Flatneset ist schön, aber anstrengend zu gehen, es ist sumpfig und irgendwie kommt uns der Weg immer wieder abhanden. Zudem scheint mir der Vortag noch in den Knochen zu stecken und ich bin träge, so dass wir uns an einer schönen Stelle mit Aussicht über den Fjord an eine Schuppenwand gelehnt ins Gras setzen und entspannen. Ein Selfie belegt eins der wichtigsten Urlaubsaccessoires: den Sonnenhut!

Der Nachmittag neigt sich, es wird langsam Zeit, über das Nachtlager nachzudenken und da uns der Husfjellet mit seinen über 600 Höhenmetern für heute zu weit ist, folgen wir Gunnars Empfehlung und peilen den Hesten an - also zurück Richtung Fjordgard. Auf dem Weg halten wir noch kurz am Tungeneset Viewpoint, die malerischen Teufelszähne haben eine dicke Wolkenhaube auf. Generell bilden sich jetzt in der Abendstunde wieder vermehrt Wolken um die Berghänge und das um so mehr, je weiter wir uns dem Ornfjord nähern.

Als uns vor dem Davkollen-Tunnel zwei Wanderer mit ausgestrecktem Daumen entgegenkommen, werden wir lebhaft an unsere Tunnelerfahrung erinnert und müssen anhalten. Es sind natürlich Deutsche, sie waren auf dem Barden, sind von Fjordgard gestartet und haben den falschen Abstieg erwischt und nun stehen sie hier. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass wir uns innerlich köstlich darüber amüsieren, wie einem nicht auffallen kann, auf welcher Seite des Bergs man unterwegs ist, wenn wir kaum eine Stunde später in den Wolken Orientierungsleistungen ähnlicher Qualität vollbringen werden.

Fjordgard

Am Hesten ist wenig los. Husoy auf der anderen Fjordseite liegt im Sonnenschein, es ist jedoch schon zu sehen, dass der Sattel voller Wolken hängt; das soll uns nicht abhalten, vielleicht wird es ja in der Nacht oder morgen früh besser. Der Weg ist nicht zu verfehlen, es geht direkt relativ steil bergauf, durch ein Birkenwäldchen und über einen munter plätschernden Bach, dann durch Heide. Dann wird es noch steiler. Irgendwie kommt mir die Richtung nicht korrekt vor, als ich ein Pärchen von links her absteigen sehe auf einem Pfad, den ich zuvor nicht gesehen hatte. Auf Nachfrage hin berichten sie, dass sie vom Sattel kämen - das klingt nach unsere Richtung, auf dem Gipfel des Hesten ist für unser Zelt ja ohnehin kein Platz. Also ab nach links. Schon nach kurzem stehen wir an der Klippe, links neben uns muss, im Nebel unsichtbar, der Segla sein. Da wir erst so kurz unterwegs sind, sind wir überzeugt, noch weiter nach rechts zu müssen und so steigen wir an der Abbruchkante entlang geduldig auf. Wir sind jetzt mitten in der Wolke, das Licht hat sich verändert, es ist düster, nicht dunkel, aber eigentümlich bedrohlich. Die Luft ist nicht kalt, fühlt sich aber feucht an. Die Nahsicht ist in Ordnung, man kann den Weg und Strukturen in der Umgebung gut erkennen, so dass es nicht direkt gefährlich ist, aber die Fernsicht ist natürlich nicht vorhanden. Der Weg wird steiler und steiler, geeignete Plätze fürs Zelt sind nirgends zu sehen irgendwann soll man die Hände zuhilfe nehmen und mich verlässt der Mut,  nur mit viel gutem Zureden schaffe ich die paar Meter wieder runter. Wir verständigen uns darauf, dass Heiko das steile Stück erkundet; falls da oben ein Zeltplatz käme, würde ich nochmal allen Mut zusammennehmen. Heiko indes ist nach ein paar Minuten wieder da: “Wir sind hier falsch, ich war eben am Gipfelkreuz”. Viel zu hoch sind wir also! Mit immer noch zitternden Knien mache ich mich an den Abstieg. Ein paar Höhenmeter weiter unten wird das Gelände wieder flacher und wir finden eine ebene Stelle für das Zelt. Reichlich geschafft krieche ich hinein. Auf dem Außenzelt sammeln sich sofort die Nebeltröpfchen, wir essen erst einmal zu Abend: Graupensuppe und Kaffee.

Ich krabble in den Schlafsack, Heiko hält es darin jedoch nicht, er will nochmal ins Tal absteigen, um sich etwas mehr Bewegung zu verschaffen und nicht nur das: auf dem Parkplatz der Sporthalle hat er ein Dixiklo erspäht. Ich lese in der Zwischenzeit. Der Platz ist reichlich uneben und nach einiger Zeit stopfe ich entnervt ein aufgeblasenes Sitzkissen in das größte Loch direkt unter meinem Hintern. Diese Lösung funktioniert so gut, dass sie mir ein triumphierendes “Ha!” entlockt.

 Durch den Nebel höre ich immer wieder Stimmen von mindestens zwei weiteren Personen, die anscheinend ihr Lager am Berg aufgeschlagen haben, aber sehen kann ich sie nicht. Ich döse vor mich hin und merke nicht, dass das Licht sich verändert hat, bis nach kaum über einer Stunde Heiko zurückkommt und nicht daran denkt, ins Zelt zu kriechen: “Die Wolken haben sich gesenkt, man sieht jetzt den Segla! Ich geh’ jetzt nochmal auf den Gipfel.”

Ich hadere ein bisschen mit mir, aber die Neugier siegt doch und ich ziehe mich wieder an, um ein Stück den Hang hochzusteigen. Die Steilwand des Segla präsentiert sich leuchtend rot im Licht der Mitternachtssonne, die nachtblaue Wasserfläche des Mefjords zeigt sich fast wolkenfrei und wenige Meter unterhalb des Zelts beginnt die wattige Wolkenfläche Richtung Ornfjord. Wie schon in der Nacht zuvor ist die Atmosphäre magisch, die Wolken schaffen einen paradoxen Eindruck von Weite und Abgeschiedenheit. Ich bin somit trotz dieser kleinen Grenzerfahrung mit dem Hesten wieder versöhnt.

In der Nähe des Gipfelaufsatzes treffe ich wieder auf Heiko, der das Wolkenmeer nach der anderen Seite hin fotografiert hat und mehr vernunfthalber steigen wir schließlich wieder zum Zelt ab, um noch ein paar Stunden Schlaf abzubekommen.