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Donnerstag, 18. 8. - Der Tag, an dem wir das Auto nach Lettland verkauften

Donnerstag, 18. 8. - Der Tag, an dem wir das Auto nach Lettland verkauften

Als wir am nächsten, erneut sonnigen Morgen wieder auf den Hof der Autowerkstatt gestiefelt kommen, ist man nicht sehr überrascht, uns  zu sehen - schließlich steht das Auto ja wieder vor der Tür. Die oberflächliche Diagnose lautet “Turbolader hinüber”, eine Reparatur lohnt sich nicht - jedenfalls nicht hierzulande. Darauf folgt ein großes Palaver, denn die beiden Mechaniker haben lettische Wurzeln und dort sieht es mit den Preisen schon wieder anders aus. Sie haben Interesse, das Auto zu erwerben und nach Lettland zu verschiffen. Wir werden uns schnell einig. Bei einem Cappuccino im örtlichen Kaffeehaus verfestigt sich der Plan für den restlichen Urlaub: für heute einen Mietwagen nehmen, das Auto ausräumen, noch einmal die Inseln erkunden und für morgen einen Rückflug buchen. Letzteres gestaltet sich weniger kompliziert als erwartet; von Leknes nach Bodo, weiter nach Oslo, dann nach Düsseldorf. Die Kosten hierfür übernimmt der Schutzbrief, auch ein weiteres Gepäckstück kann ich noch heraushandeln. Smartphone sei dank kann ich die Buchung ganz bequem vom Kaffeehaustisch aus erledigen; den Mietwagen buchen wir bei Hertz vor Ort, dafür brauchen wir nur die Straße zu überqueren.

Auf dem Hof der Werkstatt laden wir unseren Krempel plus die Nummernschilder des Audis in den Mietwagen, dann wechselt unser treues Gefährt für umgerechnet 800,- in bar den Besitzer und wir fahren zum dritten Mal in diesem Urlaub Richtung A. Über all diesem ist es Mittag geworden.

Die Fahrt ist wunderschön, wir kommen an türkisfarben leuchtenden Fjorden vorüber, an deren flachen Stränden Seesterne schwimmen und an großen Flächen voller Stockfischgestelle, an denen nur noch die Fischköpfe hängen. Zwischen den Inseln überspannen weiße Brücken das strömende Meer.

Richtung Reine knubbelt es sich, jedermann und seine Oma wollen mit ihrem Wohnmobil durch das kleine, malerisch an der Küste gelegene Kaff fahren und so brauchen wir für die letzten Kilometer nach A eine Weile. Dort angekommen, stellen wir fest, dass es nicht so schlecht war, dort nicht des abends auf der Suche nach einem Nachtquartier eingetroffen zu sein, denn es ist arg überfüllt und das ist der Sache doch irgendwie abträglich, auch wenn die roten Pfahlbauten über der felsigen Küste zweifellos wunderschön ist. Vielleicht ist es auch der Verlust unseres Autos, der uns A überschattet - im Nachhinein frage ich mich, ob die Gegend nicht vielleicht vor einem wolkenverhangenen Himmel oder einer stürmischen See mehr zu mir “gesprochen” hätte als an diesem strahlenden Sommertag. Eindeutig ein Luxusproblem!

Ins Stockfischmuseum von A wollen wir dementsprechend auch nicht bleiben und quälen uns durch Reine - der Reinebringen ist angesichts der Menschenmassen direkt abgesagt - und die kleinen einspurigen Brücken zurück bis Hamnoya, wo wir uns bei Anita mit Fischburgern stärken - mir schmecken sie sehr gut, Heiko ist erwartungsgemäß nicht so begeistert. Über Fotostops, Sonnesitzen und Herumtrödeln vergeht der Nachmittag, bis wir am traumhaften Sandstrand von Yttersand an der Nordküste von Moskenesoya eintreffen. H. macht eine Langzeitbelichtung, ich wandere über den Sand und spreche die Erlebnisse des gestrigen Tages auf Band. Als es soweit wäre, wieder aufzubrechen, blicke ich sinnierend auf die sich neigende Sonne - heute ist der erste Tag seit Monaten, an dem sie wieder untergehen wird und ich würde sie gern dabei sehen. Der eigentlich angedachte Lagerplatz allerdings, die Ballstadheia, eignet sich dafür nicht, der zeigt nach Süden. Wie sieht es denn eigentlich hier aus? Ein Blick auf die Karte offenbart eine geeignet erscheinende Hochfläche direkt westlich, die Ytresandheia. Der Plan ist schnell geändert, das Auto kann direkt auf dem Wanderparkplatz stehen bleiben.

Der Aufstieg über Wiesenhänge auf die Hochfläche hat es vor allem zum Schluss in sich, aber die Aussicht auf die weite Bucht ist traumhaft und oben auf der Heide haben wir nordwärts freie Sicht bis zum Horizont. Wir erkunden noch eine Weile den langgezogenen Rücken und ziehen  uns dann mit zwei Folgen “Stranger Things” und dem Abendessen ins Zelt zurück. Da es unser letzter Abend ist, brechen wir sogar den Instantpudding an und spät am Abend sehen wir die Sonne zum ersten Mal seit Wochen wieder unter den Horizont tauchen.