Donnerstag, 21. 9. - Hekla, Landmannalaugar, Waldspaziergang, Die Maus
Am nächsten Morgen hat der Wind gedreht, das Flusstal ist lieblich und das Zelt beinah wieder getrocknet. Die Hekla ist bis weit die Hänge hinunter mit frischem Schnee bedeckt, auf dem Gipfel hängt dekorativ eine weiße Wolke und wir ahnen schon, dass diese Kombination einer Bergtour eher entgegenstehen wird, dennoch wollen wir ein Stück den Berg hinauffahren und stehen oben tatsächlich im Schnee. Leicht bibbernd blicke ich hinunter auf das ausgedehnte Lavafeld, das hier, direkt an einem aktiven Vulkan, unheimlicher und bedrohlicher wirkt als in anderen Gegenden Islands. Einiges von der Lava wird von Heklas letztem Ausbruch im Jahr 2000 stammen.
Als es dann auch noch anfängt zu schneien, machen wir uns vom Acker, zurück an einem sehr wild aussehenden roten Krater, auf dessen Besteigung wir dank Schnee, der weiter unten in Regen übergeht, lieber verzichten. Statt dessen wollen wir es heute dank einer furtenfreien Strecke nun endlich nach Landmannalaugar schaffen.
Die Schneewolken über der Hekla stellen sich als Vorläufer einer ausgedehnten Regenfront dar, es pladdert nur so und auf der Straße nach Landmannalaugar sind die Pfützen so riesig, dass bei beherztem Durchfahren das Wasser auf dem Autodach zusammenzuschlagen scheint. Für eine Sekunde kommt die Sonne durch und belohnt uns mit einem Regenbogen, dann senken sich die Wolken wieder. In Landmannalaugar angekommen, können wir kaum bis auf die andere Seite des Tals auf die herrlichen Rhyolithhänge blicken - zum Glück haben wir sie in Hvannagil in ihrer ganzen Pracht anschauen können.
Trotz des Wetters sind einige Menschen vor Ort, aber kaum jemand wagt sich in den warmen Fluss und da absehbar ist, dass dies unser letzter hot pot auf dieser Reise sein wird, ist klar, dass wir uns diese Gelegenheit nicht entgehen lassen können. Allerdings muss ein Schlachtplan her: Im Auto also Badesachen an, Jacken darüber, Klamotten in einen Müllsack und auf ins warme Nass!

Das Wasser ist herrlich, eine heiße Quelle entspringt am Hang und plätschert an mehreren Stellen in einen Bach, der an dieser Stelle ein breites und flaches Bassin formt. Hier lässt es sich gemütlich sitzen, je nach Abstand zu den warmen Zuflüssen mal kühler und mal wärmer. Eine Zeitlang sind wir völlig allein und der Nebel trägt dazu bei, die anderen Menschen auf dem Parkplatz am anderen Ende des Tals völlig auszublenden.
Später kommen wir im hot pot noch mit ein paar Touristen, unter anderem zwei Linzer Jungs, ins Gespräch und auch Heikos Wunsch erfüllt sich: Der Regen legt wieder richtig los und trommelt uns auf die Köpfe, während wir das heiße Wasser genießen.
Irgendwann ist es jedoch trotzdem so weit: Wir müssen wieder ans, soweit man davon sprechen kann, “Trockene” und weil die Badeplattform nicht überdacht ist, beschließen wir, nur die Jacken überzuwerfen - jawohl, eine gute Regenjacke kann eine Stunde im Regen hängen, ohne durchzuweichen! - und mit nackten Beinen in flip flops zurück zum Auto zu wandern. Auf dem Weg wird uns reichlich kühl, aber die verdatterten Blicke der anderen Touristen entschädigen.
Den restlichen Nachmittag bringen wir wetterbedingt vor allem mit Fahren zu, erst am Spätnachmittag bessert sich das Wetter deutlich, allerdings ist die zunehmende Besiedelung der Gegend nach Westen hin deutlich zu spüren, so dass wir auf der Suche nach einem Zeltplatz die erstbeste Alternative anlaufen, den Campingplatz Sandartunga. Eigentlich schon geschlossen, ist der Platz völlig verwaist und für isländische Campingplätze ausgesprochen idyllisch und liebevoll angelegt mit Sträuchern, die kleine Parzellen bilden, auch das Toilettenhäuschen ist noch offen und mittlerweile genieße ich jeden Komfort, den ich kriegen kann, doppelt.

An den Campingplatz schließt sich ein Spazierpfad an und da es tatsächlich etwas aufklart, haben wir nach dem Zeltaufbau Zeit für eine Runde über eine sehr lustige Brücke, die aus einem LKW-Anhänger gebaut wurde, durch einen schon sehr authentisch riechenden kleinen Nadelwald. Es gibt sogar eine Feuerstelle, an der jemand in jüngster Zeit das weltkleinste Lagerfeuer aus dürren Fichtenzweigen entzündet hatte.
Nachts werde ich wach, weil es im Müllbeutel im Vorzelt knistert und raschelt und kurz kehrt meine vergessen geglaubte Angst vor Geräuschen zurück. “Fummelt da was am Müll rum?”, fragt Heiko schlaftrunken, bevor wir beide wieder einschlafen. Der nahe Wald bietet eben bessere Bedingungen für Tiere als die baumlose Heide!