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Donnerstag, 7. 9. - Schwimmen, Pässe, Dynjandi, Skalavik

Donnerstag, 7. 9. - Schwimmen, Pässe, Dynjandi, Skalavik

Der Tag beginnt unangenehm für H., der von starken Rückenschmerzen geplagt wird. Auch die Yogaeinheit vor malerischer Kulisse hilft wenig, aber von dem nahen Hot Pot gleich hinter Bildurdalur versprechen wir uns Linderung. Nicht wenig verwirrt sehen wir, als wir um die Kurve biegen, eine Frau auf dem Rand des Schwimmbeckens tanzen, angetan mit Kopfhörern, gegenüber ist eine Kamera aufgebaut. Sie und ihre Freundin stammen aus Frankreich und wir wechseln ein paar Worte, während wir genüsslich einige Längen im warmen Wasser schwimmen und zwischendurch am Warmwasserzulauf am seichten Ende des Beckens sitzen und entspannen. Auch, nachdem die beiden Französinnen weitergefahren sind, verbringen wir noch einige Zeit im Becken und nicht nur H.s Rücken entspannt sich. Gelegentlich hält ein Auto; mit einer Britin halten wir einen kurzen Schwatz. “There’s another small pool over there”, weist H. sie auf den nahen Sitzpool etwas oberhalb hin, “it’s a hole in the meadow!”

Das Loch in der Wiese wollen wir uns ebenfalls noch genauer ansehen und schlappen bibbernd in unseren Badesachen über die Wiese, um festzustellen, dass der flache Pool wirklich sehr heiß ist. Wir halten es nur einige Minuten darin aus und auf dem Rückweg tangiert uns der kalte Wind nicht im geringsten. Noch für lange Zeit fühlen wir uns gründlich durchwärmt und gelockert.

Auf dem Weg zum Dynjandi-Wasserfall queren wir Pässe, einer spektakulärer als der andere im schattendurchfleckten Sonnenlicht. Immer wieder steigen wir aus, fotografieren frierend im schneidenden Wind, blicken hinab aufs Unwirkliche: Berge Fjorde Berge. Inmitten des Gerölls und des Mooses stille Tümpel auf den Hochflächen. Straßen winden sich den Hang hinab und sind nicht mehr zu sehen. 

Über dem Dynjandi-Fall ein Aussichtspunkt, wir folgen einem Schafpad über unwegsames Geröll zu einem kleinen Wasserfall am Ende des Tals, dort Wind, rauhe, karge Natur und grenzenlose Einsamkeit. H. fotografiert, ich sitze auf einem Fels am Wasserfall, die Sonne im Gesicht. Als wir auf dem Weg ins Tal die erste Kehre nehmen, kommt der große Dynjandifoss in Sicht, fällt weit aufgefächert in Dutzenden Kaskaden ins Tal. Ich schaue und höre mitten im Satz auf zu sprechen. Zusammen mit reichlich anderen Touristen - darunter die beiden Französinnen aus dem Hot Pot - erklimmen wir den Pfad zum Fuß des Wasserfalls, H. fotografiert, ich blicke ins Land. 

Die Wanderung auf den Myrarfjall einen Fjord weiter fällt ins Wasser, der Weg ist weder markiert noch erkennbar, die Lust, über Geröllhänge zu stolpern, sehr gering. Wir schrauben uns nach Norden, die Natur wird karger, selbst in den Tälern finden sich jetzt kaum noch Wiesen, schon wenige Meter über dem Meeresspiegel beginnt die Hochheide. Für den Abenteuerfaktor sorgt der Tunnel nach Isafjördur, der nur einspurig mit Ausweichbuchten zu befahren ist. Dass das funktioniert, ist fast so erstaunlich wie die Natur.

Gerade noch rechtzeitig biegen wir auf den Parkplatz des BONUS in Isafjördur ein und treffen die beiden Französinnen zum dritten Mal. Frisch eingedeckt mit Skyr, flatkökur und Obst durchqueren wir Isafjördur, das sehr idyllisch in der Abendsonne liegt, und fahren nach Westen nach Bolungarvik. Dahinter geht es über einen bescheidenen Pass nach Skalavik, wo wir uns einen Zeltplatz suchen wollen.

Die Abzweigung auf den Bolafjall nehmen wir mit, dort steht die Latrar Air Station, eine Radarstation der isländischen Küstenwache. Wenige Meter hinter dem Parkplatz geht es steil bergab, dahinter nur noch das Meer, das Nichts, Grönland, der Pol. Die Abendsonne strahlt und doch ist es eisig im Wind. Um so idyllischer kommt uns die Fahrt ins Tal vor neben Bächen, die zwischen dicken Moospolstern herplätschern. Im Tal verstreut liegen einige verlassen aussehende Sommerhäuser, eine Wiese mit Dixieklo und Waschbecken, als Campingplatz markiert, liegt idyllisch über einem schwarzen Sandstrand, wo die Sonne sich langsam ins Meer hinuntersenkt. Wir sind die einzigen Gäste und schlagen unser Zelt direkt über dem Strand auf. Nach einem Strandspaziergang treffen wir dort eine Amerikanerin, die ebenfalls überlegt, auf dem Platz zu übernachten, sie schläft allerdings in ihrem Auto.

Zum Kochen verziehen wir uns samt Geschirr an den windgeschützten Strand, wo es Kartoffelsuppe (ebenfalls von Aldi) nebst Schärenbrot mit Butter gibt, danach ziehen wir uns rasch ins Zelt zurück - der eisige Wind setzt uns zu. Vicky sehen wir nicht mehr - womöglich ist sie doch weitergefahren?

Wir legen uns schlafen - nicht ohne vorher ein, zwei Wecker zu stellen, denn für die Nacht sind Polarlichter angekündigt. Kurz darauf reißt uns eine Frauenstimme aus dem Schlaf - es seien Nordlichter zu sehen, ruft sie mit aufgeregter Stimme und, am merkwürdigsten, auf Deutsch. Als ich verdattert den Kopf aus dem Zelt stecke, ist der gesamte Platz weiterhin leer und niemand zu sehen. Über dem Zelt steht eine hellgrüne Spirale am Himmel.

H. legt sich nach einem kurzen Blick wieder hin und holt den Schlaf der schmerzgeplagten letzten Nacht nach, ich hänge noch eine ganze Weile halb aus dem Zelt und betrachte den Himmel, so lange, bis nichts weiter zu sehen ist als eine Milliarde Sterne.