Freitag, 13. 7. - Ein See, eine Kette, ein Rentier
Als ich morgens kurz aus dem Zelt luge, umgibt uns erneut eine weiße Wolkendecke, so dass ich mich wieder aufs Ohr lege. Beim nächsten Mal ist schon ein diffuses Leuchten zu erkennen: Die Wolken heben und verstreuen sich, die Sonne kommt durch, mit sehr dekorativem Effekt für die ohnehin schon nicht reizlose Umgebung. Wo wir dieses Spiel vom Barden aus von oberhalb beobachtet haben, sind wir jetzt mittendrin und anders als vor zwei Tagen haben sich am Ende jegliche Wolken aufgelöst, in strahlendem Sonnenschein sitzen wir an der Abbruchkante und frühstücken Kaffee sowie Brot mit Erdbeermarmelade. Lange blicken wir auf den Fjord und beobachten ein Schiff beim “Einparken” im Senjahopener Hafen. Danach steigen wir langsam ab, um uns nach einem Gedächtnisburger im Segla Grill wieder auf die Straße zu begeben.



Morgens am Segla
Diesmal haben wir keine großen Pläne für den Nachmittag geschmiedet, sondern wollen gemütlich zum nächsten Übernachtungsberg, dem Sukkertoppen, fahren und zwischendurch sehen, was uns so begegnet. Das ist zunächst der Bergsee hinter der Bergsbotn-Aussichtsplattform in seiner grünleuchtenden Pracht, hinter dem sich noch ein blühendes Tal mit einem plätschernden Wasserfall erstreckt. Heiko macht ein paar Langzeitbelichtungen, ich kraxle herum. Den nächsten Halt legen wir in Finnseter in der Nähe von Flatneset ein, einer langgezogenen, sandigen Bucht, deren Wasser in allen Türkistönen leuchtet, am gegenüberliegenden Ufer von kleinen Waldstücken und roten Häuschen dekoriert. Ich finde weitere Korallen und an dem nahegelegenen Hafen fotografiere ich ein Boot, das an einem algenüberwachsenen Seil im Wasser liegt und mich irgendwie an Griechenland denken lässt. Nur dank Heiko, der am gegenüberliegenden Strand eine Bewegung wahrnimmt, sehe ich das einzige Rentier des Urlaubs.

So ist es auch diesmal wieder Abend, als wir am Fuß des Sukkertoppen ankommen. Diesmal lese ich die Wegbeschreibung vor, damit wir nicht wieder sonstwo herauskommen, allerdings bieten sich dafür bei diesem Berg wenige Gelegenheiten: hoch oder runter, Abzweigungen sind nicht vorgesehen. Der Weg führt anfangs durch einen märchenhaften Gebirgswald voller Blumen, unter uns rauscht ein Wildbach, wir kommen an einem glasklaren Teich voller Fische vorüber. Nach einiger Zeit gelangen wir wieder ins Reich der Krähenbeerenheide und es wird steil. Etwas oberhalb des Gryttevatnet finden wir einen Fleck fürs Zelt - tatsächlich einen der ebensten Flecke der ganzen Reise - und machen uns an die restlichen 150 Höhenmeter zum Gipfel. Die sollen ziemlich steil sein und mir sitzt das Erlebnis am Hesten gestern noch etwas in den Knochen, aber verpassen will ich nun auch nichts.

Zunächst laufen wir nur steil bergauf, dann wird es ausgesetzt und dann kommt auch noch eine Scharte mit einer Kette, an der man sich hochziehen kann - die Pumpe geht, aber mit Heikos Zuspruch schaffe ich es und kurz darauf sind wir auch schon am Gipfel. Die Rundumsicht ist grandios; dieser Berg ist nur etwas über 400 Meter hoch, fühlt sich aber so hoch an, dass ich auf dem Gipfel kaum von meinem Felsblock aufstehen mag. So trete ich auch den Rückweg nur zögerlich an und bin froh, als wir die Scharte hinter uns gelassen haben. Eine erfrischende Wascheinlage im Gryttevatnet später brauche ich erstmal eine Runde Schlafsack, aber nach dem Abendessen ist alles wieder in Ordnung. Vom Zelt aus haben wir einen spektakulären Blick auf Hamn i Senja, den inselgetupften Fjord und die Bergkette auf der anderen Seite. Da es sich zur Nacht hin zuzieht, haben wir heute keinen Grund, die Mitternachtssonne abzuwarten und können eine gute Mütze Schlaf nachholen.




Auf dem Sukkertopepen