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Freitag, 14. 9. 18 - Dunbeath, Camster, Watten, Whaligoe Steps, Klippenspaziergang

Freitag, 14. 9. 18 - Dunbeath, Camster, Watten, Whaligoe Steps, Klippenspaziergang
Bei Whaligoe

Am nächsten Morgen ist der Himmel bewölkt, aber regenfrei, so dass wir den Morgentee ganz bequem am Picknicktisch einnehmen können. Ich nutze das Klohäuschen vorm Hafen, um mir im Waschbecken die Haare zu waschen, welche es dringend nötig haben - eine zähe Angelegenheit, denn das Wasser läuft jeweils nur etwa zehn Sekunden. 

Der Heritage Trail führt sehr hübsch am Fluss entlang - übrigens der Fluss, den der hier geborene Neil M. Gunn in seinem Roman “Highland River” beschreibt, den ich aber fast ein Jahr später immer noch nicht gelesen haben werde - vorbei an Ruinen einer alten Klostermauer, einem recht gut erhaltenen eisenzeitlichen Broch, durch urtümliche Laubwälder und Farnfelder eine kleine Schlucht hinauf. Zu dieser gibt es natürlich auch eine Geschichte: ein Ian MacCormack Gunn, der von den Keiths gefangen gehalten wurde, wettete um seine Freiheit, dass er es schaffen würde, die Schlucht zu überspringen. Das ist eine ziemliche Aufgabe und er schaffte es nur, weil eine Ricke ihn als Kind mit ihrer Milch genährt hatte, denn das verleiht, wie jeder weiß, übermenschliche Kräfte.

In der Zwischenzeit hat es aufgeklart und warme Morgensonne glitzert auf dem Fluss und fällt in Tupfen zwischen die urigen Gehölze. 

Auf dem zweiten Vorstoß Richtung Norden wenden wir uns ein Stück in die Highlands zu den Grey Cairns of Camster, ausgesprochen gut erhaltenen Steinhügelgräbern, die man auch betreten oder eher -kriechen kann. Ein Bohlenweg führt über eine moorige Senke zu einem runden und einem länglichen Cairn und der Sonnenschein bringt die verwitterten Steine zum Leuchten; der Ort strahlt eine große Abgeschiedenheit aus, auch wenn außer uns noch ein weiteres Touristenpaar die Hügelgräber umrundet. 

Erst zögere ich vor dem dunklen und engen Einlass, dann quetsche ich mich im Entenschritt durch den schmalen Gang. In der Mitte fällt ein wenig Licht von oben herein und man kann aufrecht stehen, die Luft ist kühl und trocken. 

Der runde Cairn ist der kleinste, die Gänge der beiden anderen sind noch etwas bequemer zu “begehen”. Alle drei sind mit kleinen Gittern verschlossen, um die allgegenwärtigen Schafe draußen zu halten. 

Auf der Suche nach den Whaligoe Steps fahren wir auch dieses Mal erst vorbei und finden beim dritten Anlauf die schmale Seitenstraße mit dem kleinen Parkplatz am Ende. Ein laminiertes Schild weist zu den Stufen, die unzeremoniell direkt hinter dem letzten Haus am Hang beginnen und in Serpentinen die senkrechte Klippe hinabführen - 360 waren es einmal, 330 sind es jetzt noch, gebaut wurden sie im 18. Jahrhundert während des Heringsbooms aufgrund eines Mangels an Häfen in der Gegend. Der Abstieg ist nicht sehr steil und nicht einmal sonderlich ausgesetzt, trotzdem wird mir beim Blick abwärts komisch im Bauch. Entlang der Klippen sitzen und fliegen Möwen, der Steilhang ist bewachsen mit Grasbüscheln und Resten von Sommerblumen. Nach ein paar Minuten stehen wir unten auf dem “bink”, der künstlich errichteten grasbewachsenen Mole, zwischen den Überresten des Salzhauses, der Teergrube und einer Winde. In die Klippenwand eingelassene rostige Ketten legen Zeugnis davon ab, wie die Schiffe vor Errichtung des bink befestigt wurden. Es ist ein eigenartiges Gefühl, auf dem Grund dieser tiefen Schlucht zu stehen, die nur auf einer Seite zum Meer hin offen ist und die jetzt am Nachmittag bereits im Schatten liegt. Auf mehr als eine Art ist dieser Ort voller Echos.

Auf dem Weg zurück fällt uns das Café direkt am Hang auf und wir kehren auf einen Tee ein. Die Gaststube verfügt über ein riesiges Panoramafenster, durch das man auf die Klippen und die Nordsee blicken kann, es ist warm und das Meer leuchtet blitzblau bis zum Horizont. Wir bleiben eine Weile sitzen und sind bald in ein Gespräch mit der Wirtin Karen und einigen Gästen aus der Gegend verwickelt, die uns Reisetips geben und uns darin bestärken, die Nacht unten im Hafen zu verbringen. Die Wirtin bietet uns sogar Holz für ein Lagerfeuer an und spätestens da ist das Nachtlager beschlossene Sache. 

Die Überraschung des Tages ist der Langstreckenwanderweg John O’Groats Trail, der von Inverness bis ebendorthin an der Küste entlang direkt am Haus vorbeiführt und erst letztes Jahr eröffnet wurde. Vom Café aus sieht es spektakulär aus und an diesem schönen Nachmittag können wir uns nichts Besseres vorstellen. 

Wie fast überall in Schottland befinden sich auch auf den Klippen von Ostcaithness Schafweiden, die zum Abgrund hin eingezäunt sind und der Wanderweg, der im Hohen Gras kaum auszumachen ist, befindet sich zu einem großen teil jenseits des Zaunes, was mir besonders anfangs ein unangenehmes Flattern in der Magengrube beschert. Der Ausblick ist gigantisch, die senkrecht abfallenden Klippen leuchten in allen Tönen von Grau und flechtenbewachsenem Gelborang eim Sonnenlicht, zugleich ist absolute Aufmerksamkeit gefragt, ein Fehltritt könnte der letzte sein oder so empfinde ich es jedenfalls. 

Nach einem Schlenker um einen tiefen Küsteneinschnitt geht es auf einen Aussichtspunkt, der weite Einblicke nach links und rechts gewährt und zugleich der höchste Punkt zu sein scheint. Die Klippen dürften hier über 100 Meter hoch sein. 

Der Nachmittag neigt sich und da wir nicht ganz sicher sind, wie lange wir unterwegs waren, kehren wir um. Der Rückweg Richtung Café geht dann ganz schnell und weil wir dort zu Abend essen wollen, aber noch nicht viel Hunger haben, setzen wir uns eine Weile am Rand der Klippen in die Sonne, blicken auf das Whaligoe-Becken herab und betrachten die Möwen, die unter uns entlangsegeln und deren weiße Flügel im Sonnenschein blitzen.

Wie die Speisekarte vermuten lässt, ist das Abendessen im Café hervorragend und als wir uns mit einem kleinen Armvoll Feuerholz treppab aufmachen, ist es schon dämmrig. Nach kurzem Suchen ist ein ausreichend ebener Platz auf dem bink gefunden und Heiko beginnt mit dem Feuermachen, was aber nur so halb funktioniert - es ist Ofenholz und muss ständig beblasen werden, damit es nicht ausgeht. Ein paar auf trockene Bärenklaustiele aufgespießte Marshmallows lassen sich dennoch rösten, dann treibt uns die Kälte in die Schlafsäcke. Beim Einschlafen hören wir immer wieder Meinungsverschiedenheiten der Möwen, die lautstark zwischen den Felswänden wiederhallen.

In dieser Nacht wache ich einmal auf, weil mir kalt ist; anscheinend hat mich das Draußensitzen zu sehr ausgekühlt. Mit Heikos Hilfe wird mir aber schnell wieder warm und ich schlafe durch, bis mich die Morgenröte weckt. 

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SoundRecord 2018 09 15 07 32 25
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