Freitag, 22. 9. - Geysir, Kjölur road, Hveravellir, Waldcamping mit Nordlichtern
Als ich im Morgengrauen das erste Mal aus dem Zelt krieche, entdecke ich, was den nächtlichen Gast angezogen hat: Es war nicht der Müll, sondern mein Apfel. Fein säuberlich ist er um den Stiel herum angenagt und entsprechende Köttel finden sich auch: eine kleine Maus.
Der Tag bricht grau, aber leidlich trocken an und da wir nunmehr im Gebiet des Golden Circle sind, setzen wir den Geysir als ersten Punkt auf die Tagesordnung und schon, während wir die Straße überqueren, schießt das erste Mal eine Wassersäule gen Himmel. Das Geothermalgebiet drumherum ist bis auf ein sehr lustiges Warnschild - “the nearest hospital is 62 km away!” - Hverir nicht unähnlich, wir schauen Strokkur einmal beim Ausbrechen zu und machen uns dann wieder auf den Weg. Das Wetter verspricht weiterhin eher feuchtfröhlich zu werden und so bietet sich der Tag für eine längere Fahrt ins Hochland entlang der Kjölur Road an - hier erwarten uns auch keine Furten.

Die Piste hat reichlich Schlaglöcher, ist aber breit und fest und Heiko brettert mit einem Affenzahn durch die Pfützen, dass das Schmutzwasser nur so die Windschutzscheibe hinabrinnt - ein spektakulärer Anblick, wie wir vor allem auf dem Rückweg feststellen, als ein Isländer in ähnlichem Tempo vorausfährt.
Die Stein- und Sandwüste des Hochplateaus ist gleichermaßen beeindruckend und eintönig, die Berge am Rand der Ebene sind zum größten Teil von Wolken verschluckt. Dennoch hält das Wetter einigermaßen und wir können das Geothermalgebiet Hveravellir halbwegs trockenen Fußes besichtigen, nachdem wir uns angemessen über die Sauberkeit der Autos auf dem Parkplatz gewundert haben - die Fahrt muss wohl im Schritttempo stattgefunden haben!
Hveravellir bietet sprudelnde Quellen, mal rötlich, mal kobaltblau vonweißen, eisähnlichen Schuppen umgeben, mal grau und unheilkündend wie Quecksilber, träge blubbernden Schlamm, Dampfschwaden - ein letztes Mal das volle Programm und das ganz ohne dreckige Schuhe, denn ein sehr schicker Bohlenweg führt durch das ganze, wodurch man sehr nahe an die Quellen herantreten kann.
Ein Rundweg führt uns noch durch das angrenzende Lavafeld, wo der Vogelfreie Fjalla-Eyvindur für mehrere Jahre zusammen mit seiner Frau in einer der Höhlen gelebt und über einer der Fumarolen gekocht haben soll - man fragt sich nur, was, denn dass die spärliche Vegetation auf dem Lavafeld genug Tieren Nahrung geboten haben soll, um zwei Menschen übers Jahr zu bringen, ist schwer vorstellbar und Ackerbau schon sowieso nicht. Wovon haben diese Menschen gelebt in ihrer lichtlosen Höhle, Jahr um Jahr, in den kurzen, feuchten Sommern und den kalten, langen und dunklen Wintern? Mich schaudert.
Auf dem Rückweg jagen wir ein weiteres Mal erfolglos die Stelle, wo es am Himmel schon heller aussieht, und weil uns die Straße am Gullfoss vorbeiführt und es in dem Moment gerade nicht regnet, schlängeln wir uns durch die Menschenmassen zum Wasserfall hinunter, werfen einen Blick darauf und stapfen zurück, um 50 Meter vorm Auto von einem Guss wieder ordentlich durchnässt zu werden. Auch für diesen Wasserfall gilt: Schön, aber die Menschenmassen sind dem Erlebnis nicht zuträglich.
Gegen Abend nistet sich die Regenfront endgültig ein. Im strömenden Regen fahren wir an Thingvellir und nochmal am Geysir vorbei, wo es jetzt gesteckt voll ist, erkunden die Seitenstraßen zum Hvalfjördir und halten schließlich an einem Picknickplatz in einem kleinen Waldgebiet - es ist Sturm angesagt, da kann ein bisschen Schutz durch Bäume nicht von Schaden sein. In einer Regenpause schlagen wir zwischen niedrigen Birken unser Zelt für die letzte Nacht auf.
Als ich später vors Zelt krabble, um die Zahnpasta auszuspucken, blicke ich in den Himmel, wo völlig unverhofft plötzlich Sterne und grüne Nordlichter zu sehen sind. Ein unerwartetes Abschiedsgeschenk.