Mittwoch, 11. 7. 19 - Die Funzel im Tunnel
Das nächste Mal werde ich davon wach, dass Gunnar Heikos Namen ruft - es ist kurz nach sieben, die Wolken haben über Nacht Junge bekommen und füllen die Täler und Fjorde ringsum komplett aus, unter dem blauen Himmel liegt das Gipfelplateau wie eine abgelegene Insel im Sonnenschein und Gunnar bringt seine Begeisterung darüber zum Ausdruck. Die ebenfalls herausspitzenden Gipfel der Umgebung wirken eigentümlich nahe, als bräuchte man nur die wattig-weiße Ebene zu queren. Heiko braucht eine Weile, um aus den Federn zu kommen, und so sitzen Gunnar und ich eine ganze Weile zu zweit auf dem Gipfel, betrachten die langsam über den Kamm fließenden Wolken und spekulieren, wie wohl der Abstieg durch solch eine Wolke sein mag - sieht man die Hand vor Augen noch? Könnte es gefährlich sein? So richtig ist keiner von uns geneigt, es herauszufinden, denn wir rechnen fest damit, dass der Nebel sich vor Mittag auflösen wird. Solange spazieren wir über den Gipfel, essen Fjordgarder Brot mit Bärbels Erdbeermarmelade zum Frühstück, aalen uns in der Sonne und genießen die Sicht auf das ständig neue, gleißende Wolkenmeer. Zum späten Vormittag hebt sich die Wolkendecke an, einzelne Schwaden treiben entlang der Abbruchkante in die Höhe und lösen sich langsam auf, sogar der Seglagipfel wird kurzzeitig gänzlich verdeckt. Ein paar unverdrossene Wanderer treffen auf dem Gipfel ein, unter anderem eine Kalifornierin, mit der wir uns ein Weilchen unterhalten und die von der Fjordgarder Seite gekommen ist. Sie hat auf dem Parkplatz der dortigen Sporthalle übernachtet.

Kurz nach Gunnar, der noch auf den Segla will, machen wir uns gegen zwölf auf den Weg. Der markierte Abstieg auf den Sattel ist steil, aber die unterhalb liegenden Wolken wirken wie Scheuklappen, die mir den Abgrund verbergen. Auch so ist das Hinunterkraxeln mit dem dicken Rucksack nicht immer einfach. Recht schnell kommen wir auf dem Niveau der Wolken an und in einem unangenehm feuchten Luftzug wandern wir mit zwei kräftigen Gegenanstiegen eine gefühlte Ewigkeit an dem Sattel entlang. Hin und wieder gibt ein Wolkenloch den Blick auf die sehr weit entfernte, gleißend blaue Wasseroberfläche zur Linken frei, zur Rechten ist dann, in ein Tal am Wasser geschmiegt, Fjordgard zu sehen. Drei Kilometer sind es schon und die dreieckige Spitze des Segla will partout nicht näher kommen - von oben sah das hier kürzer aus!




An der Kreuzung zum Abstieg nach Fjordgard kommen wir an Gunnars Rucksack vorbei und treffen reichlich Menschen, die sich mit sehr unterschiedlichen Graden von Fitness und Enthusiasmus an den Aufstieg machen - mittlerweile kann selbst ich sehen, wann jemand zu schnell unterwegs ist. Der Weg ist steil und ziemlich steinig und als wir in der Ortschaft anlangen, preise ich die Asphaltstraße und den Segla Grill, wo wir uns direkt auf einen Burger auf die Sonnenterrasse setzen. Unser Essen ist noch nicht da, als ein müder Gunnar auf die Terrasse gestapft kommt. Die Burger sind lecker und ihr Geld in diesem Moment mehr als wert, während wir den Blick auf den leuchtend blauen Fjord und die blumengesäumten Straßenränder genießen. Nach dem Essen dann trennen sich unsere Wege; Gunnar will auf den Husfjellet und wir müssen uns mit dem Auto wiedervereinen. Gunnar weiß abenteuerliches von dem unbeleuchteten Tunnel unter dem Davkollen zu erzählen.

Schon im Schatten der Bergkette wandern wir gemütlich am Fjord entlang und genießen das Geradeausgehen. Der erste Tunnel ist nur eine kurze Röhre, der zweite kann seeseitig umgangen werden; dort gibt es sogar noch ein Schneefeld und ein Bach gibt Gelegenheit, die Wasserflaschen mit eiskaltem Nass zu füllen. Kurz darauf sind wir schon am Fjordende angelangt und der Tunnel liegt als pechschwarzes Loch vor uns. Die kleine Taschenlampe in der Hand, wandern wir bei stetiger Steigung ins Finstere hinein. Nach kürzester Zeit dringt von draußen kein Lichtstrahl mehr herein und das Gehen wird zur Nervensache. Dreimal begegnen uns Autos, deren Fahrer noch verunsicherter scheinen als wir. Vom Anstieg, dem scharfem Tempo und den flatternden Nerven bin ich außer Atem, als wir endlich wieder in den Sonnenschein hinaustreten und die Rucksäcke in das treu wartende Auto werfen.
Heute haben wir keine Großtaten mehr vor und fahren nur noch auf die andere Seite des Mefjords, vorbei an türkisgrün leuchtenden Hafenbecken und malerischen Dörfchen bis auf die nächste Landzunge. Auf dem Weg fassen wir noch den Plan, uns morgen ein Elektroboot zu mieten. Hinter Mefjordvaer befindet sich ein ausgedehntes Heidegebiet und ein großes Parkplatz, sogar eine Schutzhütte mit Feuerstelle ist angelegt, aber schon besetzt und wir wollen ja ohnehin näher ans Meer. Der Pfad Richtung Russehula schlängelt sich durch die im Abendlicht tiefgrüne Landschaft und tatsächlich findet sich zwischen den großen Felsbrocken eine brettlebene Stelle für das Zelt. Im “Russenloch” sollen einst Russen einen Vorstoß nach Norwegen versucht haben, nach der Größe des Lochs zu urteilen, war der Versuch aber zum Scheitern verurteilt, viele können es jedenfalls nicht gewesen sein. Das ist aber schon lange her, um 1300. In der Nähe des Ortes wurde übrigens auch Senjas letzte Hexe verbrannt, das hingegen erst 1710.

Zum Abend hin ziehen wieder Wolken an den Hängen auf und verbreiten düstere Stimmung. Heiko holt noch sein Filterset und versucht sich an einigen Langzeitbelichtungen, ich selber bin ziemlich platt und schlafe schnell ein.