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Montag, 10. 9. 18 - Inverness, Hopeman, Pennan

Montag, 10. 9. 18 - Inverness, Hopeman, Pennan

Als der Morgen dämmert, bin ich ausgesprochen unausgeschlafen, aber der Regen hat fast nachgelassen. Ein unbarmherziger Wind fegt dunkle Wolken über die düstere Heide und treibt das jetzt bleierne Wasser des kleinen Sees in raschen Wellen an den kieseligen Strand. Der nächste größere Guss dürfte nicht lange auf sich warten lassen und so beschließen wir nicht zum letzten Mal in diesem Urlaub, das Frühstück vorerst ausfallen zu lassen und so schnell wie möglich unsere Habseligkeiten zusammenzupacken. Wenige Minuten später stapfen wir mit unseren Rucksäcken zurück über die Heide und es ist ein Glück, dass von hier aus der etwas erhöht verlaufende Pfad leicht zu verfolgen ist, denn in den Niederungen hat sich einiges an Regenwasser angesammelt und wartet nur auf eine Gelegenheit, einem die Wanderschuhe randvoll zu machen. Auf dem nun recht matschigen Weg blickt uns eine kleine Herde schwarzgrauer Angusrinder entgegen, die sich erst zerstreuen, als Heiko ihnen entschlossenen Schrittes entgegentritt. Auch die Bächlein neben dem Parkplatz haben deutlich an Volumen zugenommen. 

Erst als alles sicher im Auto verstaut ist, nehmen wir uns Zeit zum Zähneputzen.

Die Cairngorms sind randvoll mit schönen Wanderwegen, aber das Wetter ist mit dem immer noch kalten Wind und Regen alles andere als einladend und so schlängeln wir uns durch tief eingeschnittene Täler, urige Laubwälder und kleine Ortschaften, in denen gerade die Schülerlotsen ihres Amtes walten, durch Richtung Inverness, wo es zumindest einen heißen Kaffee geben dürfte. Da noch so viel Zeit ist, nehmen wir für das letzte Stück die Uferstraße am Loch Ness entlang, der unheimlich im Regen liegt, das Steilufer auf der anderen Seite zum Teil kaum zu erahnen. Dennoch lässt sich erkennen, dass dies einen der touristischen hot spots darstellt, unverdrossen stapfen sie in Regenponchos die Straße entlang, schwärmen durch Fort Augustus und der Parkplatz am durch den Regen kaum erkennbaren Urquhart Castle ist voller Reisebusse.

So zuverlässig sich die Berge Zentralschottlands als Regenfänger erweisen, so oft sorgen sie auch für deutlich besseres Wetter auf der windabgewandten Seite - meistens Osten -, und tatsächlich hat der Regen aufgehört, als wir in Inverness ankommen und am Ufer des Ness parken. Die Stadt zeigt sich dennoch von ihrer düsteren Seite und vor Übermüdung friere ich kräftig, was sich erst gibt, als wir in einer traditionsreichen, aber ziemlich hässlich eingerichteten Bäckerei Kaffee und einen Happen zu essen bekommen. Alles ist auf spannende Weise fremdartig, von den überbehütenden Fußgängerampeln über die gälischen Regalbeschriftungen im Co-op-Markt bis hin zu den Fußgängern, die zur falschen Seite hin ausweichen, wenn man ihnen entgegenkommt.

Ermutigt von der Wetterkarte, die sich auch in Zukunft noch als überraschend präzise herausstellen wird, wenden wir uns nach Osten entlang der Moray Firth, wo die Landschaft sehr flach und lieblich an Mecklenburg-Vorpommern erinnert. Durch die hübschen Sandsteinhäuser von Elgin geht es bei lichter werdendem Himmel an den Küstenort Hopeman, wo ein Hinweis auf den Moray Coast Trail unser Interesse erregt. Der Pfad führt vom Hafen weg hinter einem von Badehäuschen gesäumten Strand auf die Klippen, wo zwischen den dunkelgrünen Stechginsterbüschen immer wieder die dunkelrote Sandsteinküste und das türkisblaue Nordseewasser im diesigen Sonnenschein aufleuchten. Das poröse Gestein ist an vielen Stellen ausgehöhlt und zu bizarren Formen geschliffen. Oben auf der Klippe, zunächst merkwürdig, aber später noch oft gesehen: ein Golfplatz. 

Die lange und zeitweilig einsame Küste bietet reichlich Gelegenheiten zum Zelten, anders als das Landesinnere, wo jedes Fleckchen für Land- und Viehwirtschaft genutzt wird. Richtung Ostmoray und nördliches Aberdeenshire werden die Klippen höher, die Landschaft hügeliger und die Straße, nachdem wir hinter Banff die zweispurige A98 verlassen haben, abenteuerlicher, in scharfen Kurven und unerwarteten Steigungen windet sie sich zwischen Steinmauern und Hecken entlang. Kurz vor Pennan zeigt ein Wegweiser zueinem Picknickplatz, von dem aus zwei Pfade hinunter zu einer kleinen Bucht und hinauf auf eine rund 100 Meter hohe Klippe führen. Mittlerweile hat ein leichter Regen eingesetzt und die Sandsteinklippen liegen düster und bedrohlich da, wie sie das hübsche Fischerdorf einrahmen.

Der nächste Strand zwei Dörfer weiter, den wir noch abchecken wollen, ist wesentlich größer, mit einem Klohäuschen und einer gemähten, ebenen Rasenfläche, die für Zelte wie gemacht scheint. Verborgen hinter einem Hügel liegt eine zweite, geheime Bucht und unser Nachtlager steht fest, sobald wir ein leidlich ebenes Fleckchen oberhalb des Sandstrandes gefunden haben. Im Nieselregen bauen wir das Zelt auf und sind froh, die von Regen und hohem Gras nasse Kleidung loszuwerden und in die Schlafsäcke zu kriechen. 

Ich beginne zu ahnen, dass der schottische Wetterbericht wesentlich nützlicher als der isländische ist und da er für Mitternacht das Ende der Regenfälle verspricht, blicke ich prompt auf die Uhr, als ich nachts in völliger Stille aufwache: 23:45.

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SoundRecord 2018 09 11 20 36 45
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