Montag, 9. 7. 19 - In die Baltsfjord-Prärie
Gegen drei Uhr werde ich davon wach, dass die Sonne über den Bergkamm geklettert kommt und ins Zelt scheint und nutze die Stunde zu einer Pinkelpause. Danach kann ich nicht mehr wirklich einschlafen, sondern ruhe im offenen Schlafsack und genieße das Vogelzwitschern und das Summen der Hummeln in den Blüten. Gegen sechs stehe ich endgültig auf, will mich im See waschen, komme auf dem abschüssigen Stück prompt barfuß im nassen Gras ins Rutschen und setze mich unsanft auf den Hintern. Kurze Gedenksekunde: nichts tut weh, keiner hat’s gesehen. Puh. Immerhin, keine Blessuren im Namen der Sauberkeit, etwas, das auf langen Wander- und Zelttouren ohnehin überbewertet wird: Im Schlafsack liegen und ein bisschen klebrig sein ist eins. Insgesamt fühle ich mich für den gestrigen Marsch recht wenig zerschlagen, ich spüre nur leichten Muskelkater und vereinzelte Wehwehchen wie Druckstellen an den Schlüsselbeinen und vorne an den Zehen vom Anstoßen beim Bergabgehen - die Schuhe waren eindeutig viel zu locker geschnürt, diesen Anfängerfehler will ich anscheinend immer wieder machen.
Das Wasser des Sees liegt spiegelglatt da, während ich barfuß auf dem Kieselstrand stehe und kurz habe ich Scheu, diese makellose Oberfläche zu stören. Ich stelle fest, dass Heiko nicht untertrieben hat, das Wasser ist eisig. Wie ich später lese, ist der Torneträsk häufig bis weit in den Juni hinein zugefroren. Kein Wunder, dass die Temperaturen da nicht zum Schwimmen einladen. Nach der Wäsche kommt der warme Schlafsack kurzzeitig noch einmal sehr gelegen.




Rund ums Zelt
Am Vorabend haben H. und ich noch die aufgezeichneten Daten der Apple Watch verglichen und festgestellt, dass wir auf dem Marsch an die 200 Höhenmeter bewältigt haben, was einerseits natürlich nicht wenig ist, mich andererseits aber angesichts der vielen ausgespähten Bergwanderungen über 400, 500 und noch mehr Höhenmeter etwas ernüchtert und Zweifel an den geplanten Touren und Übernachtungsorten aufkommen lässt.
Nun gibt es aber erstmal Brot mit der restlichen Leberwurst vor dem Zelt in der Morgensonne. Keiner von uns hat bei dem strahlenden Sonnenschein besonders lange geschlafen und so haben wir schon gegen halb neun unser Sack und Pack auf dem Buckel und sind bereit für den langen Rückweg. Klugerweise kommen wir diesmal auf den Gedanken, unsere Stecken nicht nur spazierenzutragen, sondern auch zu benutzen, außerdem gehen wir diesmal direkt kurzärmlig und meine Wanderschuhe sind sorgfältigst geschnürt, die Zehen werden es mir danken.

Die Stecken sind erstmal ein ziemlicher Fremdkörper, wachsen mir aber schnell ans Herz und die Blicke über den immer noch spiegelglatten See entlang des Rückwegs sind traumhaft. Um zwanzig nach zehn langen wir wieder am Njuorajokk an, wo wir eine ausgiebige Trinkpause machen. Insgesamt fällt das Gehen jetzt, nach einer gewissen Gewöhnungsphase an das Terrain, wesentlich leichter, der letzte Kilometer zieht sich dennoch kaugummiartig in die Länge, nicht zuletzt, weil die Sonne hoch am Himmel steht und kaum ein Lüftchen zu spüren ist.
Am Auto verpflegen wir uns erstmal mit Zimtschnecken und verwerfen erneut den Gedanken, nach Abisko zu fahren, sondern nehmen direkt Kurs auf Norwegen. Die Straße schlängelt sich höher und höher durch die Berge, vorbei an weiteren spiegelglatten Seen und verschneiten Kuppen. In Riksgränsen halten wir an einem Supermarkt um ein Glas Moltebeerenmarmelade, ein Teilchen und zwei Kaffee - das letzte Mal zu moderaten schwedischen Preisen. Der Supermarkt ist klein, gerammelt voll und hat eine ganze Ecke voller outdoor-Krempel, vom Blasenpflaster bis zur Isomatte. Wie der Name schon ahnen lässt, stoßen wir kurz darauf auf den Grenzübergang, der sehr undramatisch und ohne Kontrollen vor sich geht. Der Grenzübergang ist gleichzeitig eine Passhöhe, die Straße durchquert ein weites Tal voll blank liegender, rundgeschliffener Granitfelsen, dazwischen Seen und hübsche, schwarzgestrichene Ferienhütten. Danach wird die Landschaft fast unmittelbar schroffer und dramatischer, hohe Berge ragen auf. Vor Narvik kommt zum ersten Mal das Meer in Sicht, wir wenden uns durch den Tunnel nach Norden und lassen den Abzweig auf die Vesteralen links liegen. Die Landschaft ist geprägt von dicht bewaldeten Hängen und immer wieder dem Blick zurück auf das Meer. An einem Rastplatz machen wir einige Fotos und erste Bekanntschaft mit einer als Biene getarnten Goldaugenbremse, die Sonne lacht und es ist mit über zwanzig Grad immer noch sehr warm, völlig verrückt.

Vor Bardufoss biegen wir Richtung Finnsnes ab und sehen kurz zuvor das Meer wieder. Über die imposante Brücke geht es schließlich nach Senja. Der Süden der Insel ist wunderschön, bunte Holzhäuschen inmitten satter Wiesen, Millionen bunte Wildblumen und immer wieder das metallisch blaue Meer. Die Berge im Norden sind nur zu erahnen, werden aber imposanter, während wir auf Botnhamn zu halten. Der langgezogene Rücken des Astritind war auf dem Papier der Schlafplatz für heute nacht, aber nach den Erfahrungen in Lappland traue ich mir die 500 Meter Aufstieg heute nicht mehr zu (und bin unsicher, ob überhaupt!). Der Alternativschlafplatz liegt am Baltsfjord, einem kaum zugänglichen Fjord nördlich von Botnhamn, wo es einige schöne Sandstrände gibt. Dorthin biegen wir vor dem Ortskern von Botnhamn in eine Schotterstraße ein, die durch Sumpf und lichten Birkenwald vorbei an einem Steinbruch nach Norden führt.
In Gamvikhaugen, dem Mininest am Ende der Straße, soll es laut OSMand sogar einen Campingplatz geben, in Wirklichkeit gibt es aber nur eine Handvoll Häuser, von denen nur wenige aktuell bewohnt zu sein scheinen. Die Menschen, die wir treffen, beäugen uns jedenfalls eher misstrauisch und erwidern mein Winken nicht.

Den eingezeichneten Pfad allerdings, der sich vom Strand über einen Hügel am Fjord entlang tiefer landeinwärts windet, gibt es wirklich, er ist einigermaßen gut begehbar und führt vorbei an einer verfallenden Fischerhütte (“Ob man auf den Steg draufgehen kann?” - “Ich zeige mal nur auf das Loch da!”) und einem leeren Sommerhäuschen entlang der steinigen Küste bis zu einem weiten Sandstrand, an dem sich ein weiteres Sommerhaus befindet. Der Fjord ist eine eigentümliche Mischung - ist er zwar größtenteils menschenleer und gibt es auch keine Straßen, ist der Versuch, sich die Wildnis einzubilden, doch sofort zum Scheitern verurteilt durch die gut sichtbaren Sommer- und Fischerhütten und nicht zuletzt die Aquafarm auf der anderen Fjordseite, die immer wieder mal von Zodiacs und kleinen Fischerbooten angefahren wird.
“Wie kommen die Leute hier überhaupt zu ihren Hütten?”, fragt sich H. “Mit dem Boot”, erwidere ich, denn die Frage habe ich mir schon öfter beim Betrachten der Satellitenbilder gestellt.


Der Zeltplatz in einer Mulde zwischen zwei glattgeschliffenen Felsen ist rechnerisch kaum einen Kilometer vom Auto entfernt und damit einer der kürzesten Wege des Urlaubs, mit Erkundungsgang, Packen, Gang mit Gepäck, Holzsammeln usw. vergehen aber doch etliche Stunden und es ist acht Uhr vorbei, bis wir uns eingerichtet haben. Es gibt nicht genug trockenes Holz für ein Lagerfeuer, Späne aus einer vergammelnden Holzbohle reichen aber, um den Hobokocher zu bestücken und stilecht eine Dose Bohneneintopf darauf zu erwärmen. Ich blicke fasziniert auf das kleine Feuer, das sogar rundum etwas Wärme abgibt und über dem wir zum Nachtisch noch Marshmallows rösten.
Als wir fertig gegessen haben, verziehen sich die Dunstwolken am Himmel etwas und die Landschaft strahlt in der Abendsonne auf, so dass wir den Pfad weiter richtung Strand erkunden und H., der zunächst die Kamera im Zelt lässt, den ersten Teil des Weges zweimal gehen muss, weil man in Norwegen einfach nirgends ohne seine Kamera hingehen kann! Die Sonne steht tief über den westlichen Bergen und sichtbare Lichtfinger fallen die Hänge hinab ins Meer; auf unserer Seite leuchten grellgrün Birken und Krähenbeerenheide. Immer wieder liegen federleichte Seeigelskelette im Moos, zerbrechlich in zarten Pastelltönen viele Meter über der Wasserlinie - wir verdächtigen zunächst stürmischen Seegang, später aber wird mir klar, dass eher Vögel die Übeltäter sein dürften.

Zum Strand hin wird die Küste sanfter, teilweise führt der Weg über glattgeschliffene Felsen oder Blockfelder voll großer Steine - ich werde im Balancieren langsam besser und zum Schluss hin geht es ziemlich zügig. H. tänzelt wie gewohnt gazellengleich über die Blöcke.
Der Strand liegt weiß und einsam in der Abendsonne bis auf eine Kolonie Möwen, die schrill schreiend ihr Missfallen über dieses und jenes und vermutlich vor allem uns kundgeben, dass es von den Bergen widerhallt.


Gegen elf sind wir zurück am Zelt und dann doch zu müde, um die Mitternachtssonne abzuwarten, ich merke aber, wie sich immer mehr Wolken an den Berghängen materialisieren, die mit der Großwetterlage anscheinend nichts zu tun haben. Ironischerweise werde ich am Ende dieses pervers sonnigen Urlaubs eine Menge über Wolken gelernt haben.
Es ist warm genug, um das Zelt offen zu lassen, und wenn ich auf H.s Seite durch das Moskitonetz luge, sehe ich hinter den abfallenden Felsen neben dem Zelt die steil aufragenden Berge der anderen Fjordseite - ein unwirkliches Bild, das die Illusion von Hochgebirge erzeugt.