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Montag, 9. 8. - Welcome back to Engerdal

Montag, 9. 8. - Welcome back to Engerdal
Auf dem Kvitvola

In der Nacht bin ich viel wach, denn es fängt überraschend an, relativ ausdauernd zu regnen und ich mache erst zu spät das Außenzelt zu mit dem Ergebnis, dass einige Beutel nass werden - wie so Anfänger! Aber da wir nicht weit vom Auto weg sind, ist das unbedenklich. Dafür darf Heiko nach der Freude des ersten Tages, dass er jetzt dank kleineren Schlafsackes genug Platz hat, das Zelt im statt unter dem Rucksack transportieren zu können, das nasse Paket heute morgen direkt wieder unterschnallen.

Frühstück lassen wir ausfallen, in einer Regenpause bauen wir zügig ab und machen uns durch den nassen Wald zurück zum Auto. Es riecht frisch und pilzig und wir unterhalten uns darüber, dass das doch irgendwie Standard ist: der verregnete erste Morgen. 2017 in Island hatten wir ihn, 2018 in Schottland erst recht (und Sturm - die Nacht ist mir noch in lebhafter Erinnerung), 2019 und 2021 ebenfalls ein wenig. Nur 2020 in Kristiansand war eine Ausnahme, da hatten wir bloß Mücken.

Am Klarälven

Das Wetter soll im Laufe des Tages besser werden, im Moment zieht es sich allerdings noch ziemlich dahin und bis wir die erste Tankstelle treffen, dauert es auch noch. Heiko und ich haben beide verspannungsbedingte Kopfschmerzen und die Stimmung ist so mittelmäßig, Kaffee und Teilchen in Kristinehamn helfen aber. Ab dort klart das Wetter zunehmend auf und die Gegend wird einsamer - die perfekte Kombination. Wir treffen auf den Klarälven und halten uns bis zum Grenzübergang an dessen Ufer. Gelegentlich sehen wir Paddler auf dem breiten Fluss, der die meiste Zeit ruhig, manchmal zwischen großen Sandbänken dahinfließt; links und rechts bewaldete Hügel, aber Berge sind noch nicht zu sehen. Es geht auf die erste gravel road und kurz hinter dem Höljessjön Stausee fahren wir nach Norwegen hinein. Der Wald beginnt schon, etwas gebirgig auszusehen und bald haben wir Sicht auf das Trysilfjell, eine ganz schön unattraktive skimäßig erschlossene Schotterhalde, aber immerhin! Ein Berg.

Der Wetterbericht ist ein bisschen kapriziös, wir einigen uns aber darauf, dass wir nicht weiter nördlich fahren sollten als Engerdal und irgendwie gefällt uns die Idee, in Sichtweite des Tverrfjellet zu campen, auf dem wir 2020 schon einmal eine Nacht verbracht haben. Zuvor fahren wir noch nach bei jetzt wieder recht bewölktem Wetter nach Engerdal hinein, um ein paar Sachen einzukaufen.

Erstes Ziel ist die Wanderung auf die Storhögda, ein Nachbargipfel des Tverrfjellet, aber wir scheitern an der Anfahrt: für unser Gefährt ist es viel zu steil. Also zurück nach Engerdal und kurz hinter dem Ort auf eine Mautstraße hoch zur Kvitvola!Diese Straße ist zum Glück nicht allzu steil und in gutem Zustand. Ich habe das gewohnt kribbelige Gefühl in der Magengrube, als wir uns den Berg hochschrauben; zunächst durch urigen Bergwald, dann über eine purpurn leuchtende Heidefläche hinauf ins Land der Moose und Rentierflechte. Der Einstieg zur Kvitvola liegt direkt auf der Passhöhe, schon von hier aus ist die Weitsicht beeindruckend und als wir das Auto auf dem leeren Parkplatz abstellen, fühle ich mich direkt in meinem Element. Abends auf einen Berg gehen, dort zelten, Gipfeldinge tun - das ist mir so viel lieber als mit dem Auto Seeufer abzugrasen. 

“Kvitvola” sind zwei ziemlich gleich hohe Gupfe hintereinander; zum hinteren gibt es den direkten Weg, der den vorderen Gupf mitnimmt, und einen außen herum. Wir nehmen den direkten Weg hin und lassen uns die Umrundung für morgen; eine gute Wahl, denn das Wetter wird immer schöner und die Weitblicke auf die sonnengetupfte Landschaft hervorragend; nicht zum ersten Mal habe ich in dieser Landschaft den Eindruck von “zu viel Himmel”. Das Plateau ist komplett kahl bis auf ein paar lustige, kniehohe Wacholderbüsche, die der Sache etwas savannenähnliches verleihen. Halb auf dem ersten Gupf dann fällt Heiko auf, dass er sein Handy im Auto gelassen hat; er lässt den Rucksack am Weg liegen und geht noch einmal zurück, ich mache mich derweil gemächlich auf den weiteren Weg zum Gipfel, denn er geht ohnehin viel zügiger als ich. 

Ich trödle viel herum und während des Aufstiegs zum ersten Gupf wende ich mich immer wieder um und verfolge Heikos Weg; dahinter verliere ich ihn dann außer Sicht. Ich verweile, mache Fotos und spüre dem Alleinsein nach; ein leichter Wind pfeift über die Hochebene, außer uns ist niemand hier, unser Auto war das einzige auf dem Parkplatz, auch wenn der gut ausgetretene Weg von vielen Besuchern zeugt. Weg und Umgebung sind freundlich und es ist angenehm, in aller Stille zu wandern.Nach einem Stück über die Hochebene geht es hoch zum zweiten Gupf und ich bekomme sogar etwas Sonne ab. Als ich Heiko in den Blick bekomme, bin ich schon fast oben, dennoch faulenze ich auf dem Gipfel schon kaum eine Viertelstunde, als er zu mir stößt. Er ist in ein Loch getreten und gefallen, hat sich aber anscheinend nur den Arm verschrammt. Erst später stellt sich heraus, dass ein Muskel am Rücken auch was abbekommen hat. An dem Abend will es also nicht so richtig laufen und das setzt sich fort: beim Essenkochen in der Apsis produziert der Kocher zunächst eine beträchtliche Stichflamme, beim Herunternehmen des Topfes stellt Heiko dann fest, dass dieser heiß ist, und lässt ihn fallen, so dass sich einiges an Erbsensuppe ins Vorzelt ergießt. Ich greife geistesabwesend nach dem Topf und stelle ihn wieder hin, wobei ich mir ebenfalls die Finger verbrenne - zum Glück ist es nicht allzu arg und der Schmerz klingt bald wieder ab.

Letztlich kommen wir dann nach etwas Aufräumarbeiten und Vorzeltbodenreinigung doch noch zu unserer warmen Erbsensuppe. Die Sonne sinkt malerisch hinter dem Solen und auf unserem Zeltplatz keine drei Meter vom Gipfelsteinmann wird es windig und empfindlich kühl, so dass wir uns mit Einbruch der Dunkelheit in die Schlafsäcke zurückziehen.