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Samstag, 15. 9. 18 - Glen Loth, Loch More, Klippennacht

Samstag, 15. 9. 18 - Glen Loth, Loch More, Klippennacht
Im Glen Loth

Als ich aufwache, wird es draußen hell und ich bin zu neugierig, ob die Sonne in Sichtweite der Bucht aufgehen wird, um noch weiterzuschlafen. Tatsächlich steigt die Sonne genau gegenüber aus dem Meer auf. Ich habe es in Schweden lieben gelernt, die Sonnenaufgänge an der Ostsee zu betrachten, alles ist dann so still und wie verzaubert. In Island hat mir das gefehlt und ich genieße es sehr. Das orangefarbene erste Licht taucht die Felswände, die bei bewölktem Wetter so dunkel wirken, in ein tiefes Orange.

Auch Heiko hält es bei meiner Schwärmerei nicht mehr lange im Schlafsack und so krebsen wir beide schon viel zu früh herum, um das Frühstück oben im Café einzunehmen, was wir eigentlich vorhatten. Statt dessen fahren wir die Besichtigungstips der Gäste ab: Glen Loth und Loch More, auch wenn das mangels Planung zu etwas führt, das böse Zungen als sinnloses Herumkurven bezeichnen könnten. 

Ins Glen Loth, das ein Stückchen zurück zwischen Helmsdale und Brora liegt, führt eine der winzigsten Straßen, die wir bis dahin in Schottland gesehen haben und sie ist so alt, dass sich in der Mitte bereits dicke Grasbüschel Bahn gebrochen haben. Die Straße windet sich in malerischen Kurven durch ein baumloses Tal voll goldfarbenem Gras und Heide, getupft von Ruinen - ob sie Jahrtausende oder nur Jahrzehnte alt sind, ist für uns kaum zu bestimmen und im Grunde auch belanglos. Ein Menhir wacht über die Landschaft. Trotz langsamen Fahrens ist das Tal schnell zu Ende und die Straße führt über einen Pass mit spektakulärer Aussicht über die sonnengetupften Highlands. Danach windet sie sich langsam zurück ins Tal, um dort auf die Verbindungsstraße Helmsdale - Thurso zu treffen. Auf dem Weg dorthin steigen wir noch einmal aus, weil eine Tafel des Timespan Museum auf prähistorische Ruinen aufmerksam macht. Wir stapfen auf der Suche danach ein Stückchen links und rechts durch die Heide, was schöne Ausblicke bietet, sind aber am Ende nicht sicher, wirklich Ruinen oder bloß ein paar ordinäre Feldsteine gefunden zu haben.

Die Straße zurück Richtung Helmsdale ist wieder zweispurig, aber ebenfalls ein Genuss zu fahren. Die Sonne glitzert auf dem Fluss, Angler warten auf ihren Fang und nahe des Wassers ist die Landschaft sattgrün, um nur wenige Meter höher direkt wieder ins Braungrau der Heide überzugehen. Zu spät, um anzuhalten, kommen wir an einem großen Parkplatz mit Infotafeln vorbei, dem Baile An Or, dem, wie sich später herausstellt, Schauplatz des großen schottischen Goldrausches von 1869. Nach Goldfunden im Fluss suchten damals einige Menschen hier ihr Glück, der Duke of Sutherland, dem die Landwirtschaft wichtiger war als die Goldfunde, schob der Überfüllung aber zunächst mit Steuern und, als das nichts fruchtete, mit einem strikten Verbot einen Riegel vor, sodass die Goldgräberstadt von Kildonan nur ein Jahr lang blühte. “Recreational gold panning”, ein Terminus, über den wir sehr lachen müssen, ist am Fluss jedoch heute gestattet.

Mittlerweile ist es später Vormittag und Zeit für ein Frühstück an den Whaligoe Steps, anlässlich dessen sich Heiko und John angeregt über Fotografie unterhalten. Als wir gesättigt sind, fahren wir wieder zurück Richtung Süden zum Loch More, wo wir hinter Lybster in die Highlands abbiegen. Die highlands sind so weit im Norden schon recht flach; der Himmel hat sich dramatisch bewölkt, so langsam kann man glauben, dass es zum Abend schlechter werden soll. Wir passieren einen der großen Windenergieparks. Auf der winzigen Seitenstraße, die die letzten Kilometer zum See führt, fliegt ein großer Greifvogel kurze Zeit vor uns her.

Zum Loch More war im Internet nicht viel zu finden, daher wissen wir nicht, was uns erwartet. Es ist ein Stausee mit einer großen Fischtreppe, der vom River Thurso gespeist wird - im Moment allerdings gibt es wenig Wasser, denn auch Schottland hatte einen Jahrhundertsommer (der von uns aus auch gern noch ein paar Tage länger hätte halten können) und so liegt ein Großteil des gefluteten Hochmoores auf dem Trockenen und wir laufen auf Torf, den nur eine dünne Schicht Sand bedeckt. Das Gehgefühl ist eigenartig, wie auf einem Gummisportplatz. 

Wir gehen am See entlang, bis wir auf den Fluss stoßen, der unüberwindbar ist, dann kehren wir zum Auto zurück. In der Zwischenzeit wird eifrig die allabendliche Schlafplatzdiskussion geführt; morgen wollen wir auf die Orkneys und uns damit endgültig aus der Region verabschieden und Heiko würde gern eine Nacht auf dem Aussichtspunkt verbringen, zu dem wir am Vorabend über die Klippen gewandert sind. Ich habe Bedenken, denn der Wetterbericht spricht von “becoming windy overnight” und im Sturm möchte ich mit dem Rucksack nicht unbedingt dort entlang. Andererseits sehe ich den Reiz des Ortes durchaus und immerhin soll der Wind von See kommen…

Am Ende gewinnt die Abenteuerlust und so gehen wir trotz der Verlockungen nicht ein weiteres Mal bei John und Karen essen, sondern packen Linsensuppe ein und wandern ein zweites Mal links am Haus vorbei die Klippen entlang Richtung Süden. Dieses Mal kennen wir die Strecke schon gut und bei trübem Licht gibt es auch nicht so viel zu staunen, so dass wir kaum eine halbe Stunde später an den Klippen sind. Heiko läuft ein wenig vor und zurück und macht eine Stelle aus, die ziemlich exponiert scheint, sich später aber tatsächlich als windgeschützter herausstellt als andere und wo sich die Heringe gut befestigen lassen - wenn wir schon so hoch über dem Meer zelten, wollen wir nicht noch weitere Risiken eingehen. Als das Zelt steht, sitzen wir noch eine Weile bei derzeit noch Windstille im Gras, beobachten die Möwen, die über den Rand der Klippe steigen und in so geringem Abstand über uns hinwegsausen, dass man deutlich das Rauschen ihrer Schwingen hört. Danach verziehen wir uns zu Linsensuppe und Westworld ins Zelt und schlafen bald ein.

Einige Zeit später werde ich vom Knallen und Flattern des Zelts wach: Der Wind ist eingetroffen.

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SoundRecord 2018 09 15 07 43 33
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