Samstag, 16. 9. - Ostfjorde, Hvannagil
Der Morgen beginnt freundlich, wir machen in der Küche Frühstück und wärmen Wasser, mit dem wir uns mit Blick auf den Wasserfall hinterm Haus waschen. Auf dem angemessen langsamen Rückweg zum Pass fällt uns bald ein Auto auf, das recht hoch am Berg am Straßenrand steht - eindeutig zu sehr in Hanglage, um dort bequem im Auto zu schlafen, andererseits ist auch kein herumstehender Fotograf zu sehen. “Das sieht aus wie ein Kleinwagen”, mutmaßt Heiko, “in dem Fall hat der hier nichts zu suchen” - schon am Vortag hatten wir darüber spekuliert, dass ein kleinerer Wagen ohne Allrad vermutlich nicht einmal die Steigung bewältigen könnte, von den Straßenunebenheiten gar nicht zu reden.


Als wir näher kommen, bestätigt sich Heikos Verdacht: Es ist ein Opel Corsa - mit aufgerissener Ölwanne. “Da, der Stein war’s!” Der Fahrer ist nicht auszumachen, was nicht verwundert, denn der Handyempfang ist weit vor dem Pass schon zu Ende. Kurz vor der Hauptstraße kommt uns ein großer Jeep mit dem Aufdruck einer örtlichen Autowerkstatt entgegen, der den Unglücksvogel wohl abschleppen will.
In strahlendem Sonnenschein fahren wir am Meer entlang zurück, biegen hinter Reydarfjördur auf die 955 und setzen uns bei Vattarnes ein Weilchen an die Klippen. Delphine sehen wir nicht, aber das glitzernde Meer im Sonnenschein und der Wellengang, der sich an den Klippen bricht, ist aussichtsmäßig auch nicht gerade wenig.






Hinter dem nächsten Fjord ist es mit der seligen Ruhe auch erstmal wieder vorbei, was H. kurzzeitig die Laune etwas verhagelt: Hier gibt es, neben Einbahnstraßen in einzelne Täler, nur noch die Ringstraße, Wandermöglichkeiten sind dünn gesät, zugleich beginnt hier Südisland, die beliebteste und meistfrequentierte Region für Touristen. Zugegebenermaßen ist die Landschaft spektakulär: das schimmernde blaue Meer, grün-gelbe Marschflächen, Fjorde, schroffe schwarze Berge, Sandflächen, Wasserfälle. Der Süden zeigt sich von seiner strahlendsten Seite, wir fahren und fotografieren - allein, weil uns wenig anderes einfällt.
Das erste Mal, dass mein osmand wieder von Wandermöglichkeiten spricht, ist am Ostufer der Jökulsa a Loni, deren mäandernde Arme recht unspektakulär in einem breiten Schotterbett richtung Meer fließen. Durch eine langgezogene Ferienhaussiedlung folgen wir der Straße bis zu etwas, das Parkplatz oder Brachfläche sein könnte - man weiß es nicht genau, alles ist das gleiche einförmige Geröll. Hinter einer kleinen Böschung soll es losgehen, ein Holzschild weist den Weg: “Hvannagil”. Es ist so warm, dass ich das erste Mal seit Vatnsfjördur wieder auf die Softshelljacke wechsle.

Ich kraxle die Böschung hinauf und muss lachen, als es dahinter genauso aussieht wie davor: ein flaches Tal voller apfelgroßer Steine. Ein Weg ist nicht zu erkennen, wir machen uns trotzdem auf, ein Auge auf osMand gerichtet, das behauptet, dass wir richtig seien: Die Schlucht ist der Weg. Links und rechts erheben sich steile, bunte Geröllhänge, hauptsächlich ziegelrot und weiß, aber auch Grün- und Blautöne sind zu sehen und das Farbenspiel wird intensiver, je weiter wir der Schlucht folgen, immer wieder abgewechselt von satten, baumbewachsenen Grünstreifen, aus denen hier und da unvermittelt ein Schaf blökt. Nicht alle kommen lebend heraus: Auf dem Boden finden wir einen gebleichten Schafschädel.
Auf dem Boden des Canyons fließt ein kleiner Bach, der immer wieder plötzlich unter das Geröll abtaucht. Die Steine klirren wie Tonscherben unter den Füßen. Es ist ein magischer Ort, ein ganz und gar überraschendes Stück Island, das keiner von uns hier erwartet hätte - ich dachte, dass es bunte Berge nur in Landmannalaugar gibt.



Nach einiger Zeit ist die Schlucht an einem Bachlauf zu Ende, ein steiler Pfad führt den Hang hinauf, jeder Schritt ein Klimpern, weite Ausblicke über die Schlucht bis hin zurück zum Gletscherfluss werden sichtbar. Oben auf dem Plateau die typische Hochheidelandschaft: Felsen, Flechten, Tümpel von Wollgras umstanden. Wir sehen ein Schneehuhn, das jämmerlich klingende Rufe von sich gibt.
Das mit dem Weg stellt sich schon wieder als ein Problem heraus und ich bin leicht verstimmt, als wir durch eine Geröllrinne nach unten kraxeln und nach einem Birkengesträuch wieder auf eine der Straßen stoßen. Dennoch ist die Wanderung eine der beeindruckendsten bisher.



Zurück zum Auto folgen wir der Straße noch ein Stück dem Fluss entlang landeinwärts über Hügel, die farblich an überdimensionierte Sägespäne erinnern. Auch hier beginnen großflächige Moosplacken schon mit der Urbarmachung und als wir uns auf den Rückweg machen, weil wir feststellen, dass wir die Richtung doch nicht so spannend finden, überfahren wir noch fast Heikos Sonnenbrille, die vom Autodach gefallen war.
Die Idee, am Fluss in der Schlucht zu zelten, kommt auf und braucht nicht lange zum Reifen, so dass wir die Rucksäcke packen und zum zweiten Mal an diesem Tag den Weg durch die Schlucht nehmen. Die Grasflächen am Ende der Schlucht sind felsig, aber es ist kein Wind zu erwarten und so bringen wir das Zelt gut in der Nähe des Flusses zum Stehen, wo dann nach einer Schüssel Suppe vorm Zelt - das einzige Mal auf dieser Reise ist es warm genug, um vor dem Zelt zu essen - die Energie nicht einmal mehr für einen Drittelfilm ausreicht, bevor ich einschlafe.

