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Samstag, 7. 7. 19 - Tempomat auf 85 oder: Der lange Weg nach Norden

Samstag, 7. 7. 19 - Tempomat auf 85 oder: Der lange Weg nach Norden
Torsjö-Wiedersehen

Dank der inneren Uhr ist es gegen sieben endgültig mit dem Schlafen vorbei, was mir auch ganz recht ist, denn das Morgenprogramm, eine Runde Torsjöleden, hatte ich mir schon zurechtgelegt. Der Himmel ist bedeckt, es ist jedoch kein Regen angesagt und so stapfe ich unverdrossen durch den sommerlichen Nadelwald. Manches - wie einige Harvesterspuren - ist anders als 2016, aber vieles hat sich überhaupt nicht verändert. Anscheinend ist jedoch die Regengrenze kaum 500 Meter nördlich unseres Zelts verlaufen, so das triefnasses Farn- und Heidelbeergesträuch erstmal meine Beine bis Mitte Oberschenkel unter Wasser setzen - die erntefrischen Heidelbeeren sind nur ein schwacher Trost, immerhin gibt es aber wenig Mücken und überhaupt keine Elchzecken.

Trotz meiner Erwartung, dass mich der Weg wesentlich weniger anstrengen sollte als zu meinen übergewichtigen und unsportlichen Zeiten, bin ich doch am Ende von dem Gekraxel über Stock und Stein ein wenig genervt und froh, als ich wieder auf der Fahrpiste gelandet und vor annäherungsfreudigem, feuchtem Gesträuch sicher bin. Zurück beim Zelt nähert sich dann auch H. etwas unwillig dem Thema Aufstehen, während ich die erste abgepackte Porridgeportion zubereite - der Geschmack ist gut, der Lernerfolg imminent: Man sollte erst das Wasser kochen, dann das Pulver zugeben, dann setzt auch nichts an. Aber wer nicht mitdenken will, muss schrubben - das vom See zu diesem Zweck geholte Wasser fühlt sich schön warm an, so dass ich bei angenehmeren Außentemperaturen durchaus über ein Bad nachgedacht hätte. Andererseits ist ein zeitiger Aufbruch opportun, denn der Plan sieht heute zehn Stunden Fahrt vor und damit sind wir gerade mal halbwegs am Ziel.

Immerhin können auf diese Art meine Schuhe durchtrocknen, die auf der morgendlichen Wanderung durch das nasse Gesträuch nicht nur von außen, sondern mit dem Umweg über Hose und Socken auch von innen reichlich Wasser abbekommen haben und tatsächlich sind sie abends wieder gemütlich trocken, was sie mit einigen wenigen Gatscheinlagen für den Rest der Reise bleiben sollen.

Die ersten Stunden ziehen sich quälend langsam dahin, die Landschaft entlang der Straße entbehrt jeglicher Abwechslung (Bäume und Felsen. Felsen und Bäume) und sogar einige kleine Staus halten uns zusätzlich auf. Als kleines Bonbon haben wir ein Nachmittagsessen bei KFC in Stockholm ins Auge gefasst, denn das Essen dort hatte uns zwei Tage vorher in Essen ganz gut geschmeckt. In Stockholm angekommen, können wir kaum aus den Augen gucken, haben verspannte Nacken und überhaupt keine Lust mehr auf die Fahrerei, aber der Gedanke, die Anreisedauer noch weiter zu verlängern, schmeckt uns noch weniger. Also zurück auf die Autobahn, Tempomat auf 85, weiter geht’s.

Irgendwann nach Uppsala verständigen wir uns dann auf einen Fahrerwechsel, ich bin zwar ewig nicht mehr hinter dem Steuer gesessen, andererseits sind die Autobahnen schön leer und die Gelegenheit eine der besten, H. kann wirklich einmal eine Pause vertragen. Bei mir wiederum verscheucht das Adrenalin jegliche Müdigkeit und so schaukele ich uns zwei Stunden lang gemütlich dahin und lerne den Umgang mit dem segensreichen Tempomat. Stellenweise darf ich sogar mit 120 zwischen den Bäumen & Felsen entlangheizen.

Mittlerweile ist ein wenig mehr von der Landschaft zu sehen und über der Höga Kusten steht ein dramatischer Abendhimmel, als wir uns dem geplanten Tagesziel nähern und H., der mittlerweile wieder frisch ist, vorschlägt, noch ein paar Stunden weiterzufahren, um die morgige Tagesetappe zu verkürzen und vielleicht sogar dem für morgen vormittag angesagten Regen zu entgehen - Zeltabbau im Regen ist schließlich weniger spaßig, als es klingt. Ein Plan mit Tücken, denn wir haben nicht bedacht, dass es so oder so in der Nacht Regen geben soll und wir mit der Verlängerung der Fahrzeit genau in dieses Fenster hineinfahren. Als wir es bemerken, da es feucht von oben kommt, ist es zu spät und so verlassen wir eben in der Nähe von Legdea die E4, stellen das Auto am Straßenrand ab und schlagen das Zelt am Rand einer kleinen Wiese auf, während es uns auf den Kopf regnet - Erinnerungen werden wach!

Trotz des düster bewölkten Himmels und der Tatsache, dass es auf ein Uhr zugeht, ist es hell genug, um das Zelt ohne künstliches Licht aufzubauen und einzurichten, nur für die Kontaktlinsen braucht H. einmal die Handytaschenlampe. Mit einer Ausnahme soll es das letzte Mal in diesem Urlaub werden, dass wir auf eine Lampe angewiesen sind.