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Sonntag, 16. 9. 18 - Sturmmorgen, John O’Groats II, Fähre, Orkneys

Sonntag, 16. 9. 18 - Sturmmorgen, John O’Groats II, Fähre, Orkneys

Die Nacht ist kurz und lang zugleich und ein bisschen anstrengend: Der starke und böige Wind, über den das Zelt selbst nur müde lächelt, hält mich in Anspannung, erst recht, nachdem Heiko mich aufweckt, weil ich überprüfen soll, ob auf meiner Zeltseite etwas nicht stimmt und sich herausstellt, dass der Wind den Reißverschluss des Außenzelts aufgefummelt hat. Beim Wiederschließen schlagen mir Sturm und Nieselregen ins Gesicht, etwas Adrenalin kommt noch dazu, bis die Inventur ergibt, dass nichts aus dem Vorzelt davongeflogen und außer Heikos Regenjacke auch nichts feucht geworden ist.

Aufgrund des ungünstig stehenden Winds müssen wir dieses Manöver allerdings noch ein paarmal wiederholen. Im übrigen ist auch die Geräuschbelastung erheblich, das Zelt knallt wie eine Fahne im Wind, bei starken Böen klatscht mir das Innenzelt gegen die Wange. Der Inhalt sämtlicher Innentaschen hat sich im Zelt verteilt und einmal kommt von Heiko ein empörtes “Au”, als sich die Lampe aus ihrer Schlaufe geschaukelt hat und auf seinem Knie landet. Als es draußen hell wird, bin ich übernächtigt, aber guter Laune: Das Zelt hat alles überstanden und an diese Nacht werde ich noch lange denken.

Der erste Blick auf dem Zelt ist dramatisch und atemberaubend. Die See ist aufgewühlt mit weißen Schaumkronen bis an den Horizont, an den Klippen ist das Wasser hell türkis und spritzt meterweit hoch. Der Himmel ist tief bewölkt außer ganz im Osten, wo die Wolken einige gelbliche Strahlen durchlassen. Die Lichtbestimmung, bedrohlich und ehrfurchtgebietend, ist kaum zu beschreiben. Schon, um diesen Morgen hier zu erleben, haben sich die Unbequemlichkeiten der Nacht gelohnt.

Frühstück machen wollen wir hier allerdings auch wieder nicht, zumal das Wetter nicht ewig zu halten verspricht; nach ein paar Videos und vielen ehrfurchtsvollen Blicken in die Landschaft brechen wir das Lager ab. Der Wind hat ein wenig nachgelassen, so dass ich nun zumindest stabil stehen kann, beim Zeltabbau ist dennoch Konzentration gefragt. Nur keinen gedankenlosen Ausfallschritt machen! Vorsichtig fummeln wir das Gestänge heraus und ich lege mich seesternartig auf das Zelt, um zu verhindern, dass der Wind hineingreift, der es immerhin bereits schön getrocknet hat. Alles klappt gut und kurz darauf bin ich mit meinem Rucksack bei starkem Wind auf dem Weg zurück über die Klippen - praktisch wie bestellt, yeehaw! 

Als wir die Rucksäcke in den Kofferraum laden, macht sich doch ein kleiner Seufzer der Erleichterung Luft.

Das nächste offene Café, das uns laut google etwas zum Frühstücken anbieten könnte, liegt in John O’Groats und da wir mittags sowieso in Scrabster sein müssen, wo wir die Fähre nach Stromness angepeilt haben, passt das nicht schlecht. Das Frühstück besteht aus einem pappigen Brötchen mit fettigem Bacon darin, aber es gibt Kaffee und was verzehrt man nicht alles, bevor man verhungert. Gesättigt versuchen wir uns zum zweiten Mal auf dieser Reise am Spaziergang zu den Sea Stacks, bleiben aber schon am Muschelstrand hängen, wo wir einen Haufen große und kleine Seeschnecken finden, und kehren dann um, um nicht zu spät zum Fährhafen. Es ist weiterhin stark bewölkt, aber trocken. In Thurso ziehen wir noch etwas Bargeld und durchqueren dann die Stadt in Richtung des kleinen Hafens, wo die Mittagsfähre noch nicht zu sehen ist. Im Terminal buchen wir die Überfahrt für zwei Erwachsene und ein Auto auf der Hamnavoe und warten die restliche Stunde zur Abfahrt im Auto ab, wo ich Heiko Weisheiten über die schottische Unabhängigkeit aus dem Reiseführer vorlese. Ob es windig ist draußen auf dem Meer, frage ich die Frau am Schalter. Nein, nein, halb so wild, das soll erst in ein paar Tagen kommen, sagt sie in beruhigendem Ton. Später lese ich im Internet zum ersten Mal von den schweren Sturmtiefs, die für Anfang der Woche von Westen her erwartet werden.

Wir sind erstaunt, als die Hamnavoe eine halbe Stunde vor der planmäßigen Abfahrt erst gemütlich rückwärts in den Hafen tuckert, doch binnen weniger Minuten ist das Fahrzeugdeck geleert und kurz darauf dürfen wir auch schon los. Ein Hafenangestellter kontrolliert unsere Bordkarten und wünscht uns auf Deutsch einen guten Morgen und eine gute Reise.

Beim Betreten des Personendecks entfährt mir ein leises “Oh”, denn die Hamnavoe ist ein ausgesprochen hübsches Schiff mit viel Holz, farblich passenden Teppichböden, vielen Polstermöbeln und einer luxuriösen Anmutung. Vom Aussichtsdeck am hinteren Ende der Fähre beobachten wir das Ablegen; es ist kalt, aber viel zu spannend, um hineinzugehen. In der geschützten Bucht ist kaum etwas davon zu merken, dass wir auf einem Schiff sind, doch kaum sind wir aus dem Windschatten heraus, bringt die erste Welle die Fähre gehörig zum Schwanken und ich klammere mich mit einem dicken Grinsen im Gesicht am Geländer fest. Unter dem bleiernen Himmel schwankt die Fähre stampfend den Orkneys entgegen. 

Da es doch kalt wird und ein Kaffee gut wäre, machen wir uns auf den Weg zur Bar, was auf dem unsicheren Untergrund gar nicht so leicht ist. Die Cappuccinos, die wir gegen ein feedback survey umsonst bekommen, sind noch nicht ausgetrunken, als vor dem Fenster die Felsen von Hoy in Sicht kommen und ab da müssen wir natürlich wieder nach draußen und die Aussicht bestaunen. Das Wetter bessert sich und sogar einzelne Sonnenstrahlen schaffen es durch die dicke Wolkendecke, während der Seegang noch zugenommen hat und mich gegen die Reling presst. Als wir ins Kielwasser blicken, sehen wir eine springende Silhouette und eine Frau neben uns ruft “Dolphins!”

Die anderthalb Stunden sind wie im Flug vergangen, wir nutzen die Gelegenheit noch für einen Besuch in den Waschräumen, wo Heiko einem “grünen Mann” begegnet, der über dem Waschbecken hängend seinem Hass auf Schiffe Ausdruck verleiht, dann fahren wir auch schon in den Scapa Flow ein. Stromness duckt sich ganz in grau in die Bucht und sieht unter dem verhangenen Himmel sehr nordisch aus.

Das Entladen der Fähre geht ebenso zügig und unzeremoniell vor sich wie das Beladen und ruck-zuck fahren wir in der falschen Richtung durch die enge Hauptstraße von Stromness, bis ich das Ziel eingegeben habe und wir schon Minuten später an den ersten Steinkreisen, den Stones of Stenness und wenige Minuten später dem Ring of Brodgar halt machen. Es herrscht ein eisiger Wind, so dass ich mich zum ersten Mal auf dieser Reise an die dicke Softshellhose in meiner Tasche erinnere und mich im Auto umziehe - viel besser!

Die Stones of Stenness sind höher und imposanter, dabei sehr schmal, der Ring of Brodgar besteht aus zahlreicheren Steinen, umwachsen von Heidekraut, mit einem malerischen Blick über den See, allerdings getrübt von dem peitschenden Regenschauer, der uns in diesem Moment überrascht. Ein bisschen ziellos, da eigentlich keiner von uns unbedingt alle prähistorischen Stätten besichtigen will, fahren wir Richtung Norden nach Birsay, wo der Wechsel aus Sonne, dräuenden Wolken und Regenbögen ein unwirkliches Licht über die Insel wirft. Orkney mainland ist sehr flach und von unzähligen kleinen Seen getupft, aber auch das Meer ist nie weit weg. 

Im einzigen Café der Gegend bekommen wir keinen Tisch, kaufen uns aber ein Sandwich im Dorfladen von Birsay und verzehren es, indem wir durch den Jarlspalast aus dem 17. Jahrhundert schlendern. Die verfallenen Mauern aus rotem Sandstein geben einen merkwürdigen Kontrast zu der akkurat gemähten Rasenfläche in der Mitte.

Der Wind ist beißend kalt und spätestens, als wir einen Campingplatz sehen, der von halbhohen Trockenmauern eingefasst ist, ahnen wir, dass es nicht einfach sein wird, einen einigermaßen windgeschützten Platz zum Zelten zu finden, zumal wir nicht über einen Zaun auf eine Viehweide kraxeln wollen. Die auf der Karte vielversprechenden Orte stellen sich als ungeeignet heraus. Nebenbei spazieren wir noch durch Kirkwall, das mit der alten Kathedrale und dem verfallenen Bischofspalast sehr schön und charaktervoll, aber auch merkwürdig ausgestorben da liegt, obwohl ein Kreuzfahrtschiff den halben Hafen einnimmt.

Der Schlafmangel der letzten Nacht macht sich bemerkbar, ich bin in quengeliger Stimmung, will aus dem Wind heraus und am liebsten ein Bett, aber die B&Bs auf der Insel kosten ein kleines Vermögen - da fällt mir das B&B-Angebot der Fähre ein, die über Nacht im Hafen von Stromness vor Anker liegt. Gegen relativ kleines Geld kann man zusammen mit der ersten Überfahrt am Morgen eine Kabine buchen und sogar auf dem Schiff frühstücken - perfekt. Wir gönnen uns eine Premium Cabin zu 69 Pfund. Mit den Orkneys haben wir ohnehin abgeschlossen, so sehr, dass wir völlig vergessen, über die Churchill Barriers zu fahren und die verbleibende Zeit zum frühesten check in um zehn Uhr in Stromness totschlagen, wo wir durch die Straßen wandern, die kleinen Gässchen und Stiegen bewundern und versehentlich durch einen Hintergarten wandern, wo wir mit einer alten Frau ins Gespräch kommen, die gerade ihren Müll rausbringt.

Im Ferry Inn nehmen wir ein spätes Abendessen ein und checken dann beim Terminal ein, wo wir noch mit einem Paar aus Edinburgh ins Gespräch kommen. Sie mussten ihr Zeltwochenende auf den Orkneys kurzfristig abbrechen, da der Wind dem Zelt den Garaus gemacht hat und es nur mit vollem Körpereinsatz davon abgehalten werden konnte, sich selbständig zu machen. Sie wollen das Gespräch noch in der Bar fortsetzen, denn zur Übernachtung gehört auch ein Getränkegutschein, aber ich will nur noch ins Bett. Zuvor genieße ich noch hingebungsvoll eine Dusche und Kopfwäsche mit wunderbar warmem Wasser und ziemlich wohlriechender Seife. Kaum, dass ich im Bett liege, schlafe ich ein und bekomme nicht mit, dass Heiko sich noch die ausliegenden Tageszeitungen vornimmt. Auch darin wird von den kommenden Sturmtiefs gewarnt.

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SoundRecord 2018 09 17 16 06 28
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