Sonntag, 3. 9. 17 - Organisatorisches, Glymur, Borgarnes, Dreckscamping
Ich wache auf zu Flugzeugen und Möwenstimmen. Ein Blick aus dem Fenster offenbart weiße Vogelköpfe, die aus dem Lavafeld ragen und etwas entfernt auf der anderen Seite der Straße kann ich die Jets auf dem Rollfeld sehen. H. wünscht nicht gestört zu werden, also spaziere ich, aber viel zu spazieren gibt es nicht: die Hütten, das Haupthaus, das Lavafeld, das Gewerbegebiet. Ich trinke Kaffee im Frühstücksraum und schreibe Tagebuch.
Der zweite Besuch im Frühstücksraum, dann mit H., offenbart ein unspektakuläres Frühstück, das dank Wolfshunger aber sehr gelegen kommt: warme Milch, Toast mit Marmelade, Haferflocken mit Skyr sowie der letzte Kaffee für drei Wochen. In der Lobby Warten auf die Autovermietung. Auch das dauert; langsam dämmert mir, das könnte etwas Unisländisches sein mit der Pünktlichkeit. Irgendwann kommt ein kleiner Bus angeklappert und bringt uns nach Reykjanesbaer, kurz darauf können wir unseren Ford Escape beziehen. Es nebelt und nieselt.
Zurück ins Guesthouse, umgepackt, das Auto beladen, ausgecheckt, Nahrungsbeschaffung beim Netto: Porridge, Frühstücksflocken, Instantsuppe, Würstchen, flatbread, Marmelade. Zimtschnecken. Kekse!

Dann, so allgemeiner Konsens, kann der Urlaub beginnen. Wir fahren Richtung Reykjavik. Was durch den Nebel links und rechts der Straße sichtbar wird, ist eigentümlich: Lavafelder, Moos, Hügellandschaft, Felsbrocken - große und kleine, glatte und rissige. Als wir uns der Hauptstadt nähern, lichtet sich der Nebel, die ersten Tafelberge kommen in Sicht, Schafe und Pferde weiden an den Hängen, unvermittelt tut sich der Blick auf weite Täler auf. Wolkenschatten tupfen die Landschaft. Zu unserer Linken das Meer.

Wir halten am Abzweig nach Thingvellir, fotografieren die Laxa - die erste von Dutzenden - sowie an einem Aussichtspunkt über dem Hvalfjördur. Können noch nicht ganz glauben, dass wir hier sind, an diesem lang hingeplanten und -gesehnten Ort.
Zum Glymur-Parkplatz geht es über eine Schotterstraße an der Spitze des Hvalfjords. Am Fluss überall kleine Parkplätze mit Autos: Angler. Wie in Schweden ist Angeln Volkssport. Der Parkplatz ist gut gefüllt und auf den ersten paar hundert Metern auch der Wanderweg. Als dann der Fluss mittels einiger Trittsteine und eines Baumstamms gequert werden muss, knubbelt es sich, ein Dutzend Wanderer steht vor der Querung, philosophiert, wundert, beobachtet andere, die mit wechselndem Erfolg die Querung unternehmen. “Are you waiting to cross?” - “No, no, go ahead!” Isklar.
Trotz einsetzenden Nieselregens ist uns klar, dass wir nicht jetzt bereits kneifen - der Wasserfall ist noch nicht einmal in Sicht, wenn sein Donnern auch bereits deutlich hörbar ist.
Nach der Querung geht es steil bergauf, der Untergrund teils Schlamm, teils nasser Fels, nie weit entfernt von der Schlucht, in der Möwen vor den schwarzen Felswänden segeln. Der Regen hat zugenommen, aber ich will den Wasserfall von oben sehen und vor allem will ich hier nicht absteigen müssen - aber eine Querung des Flusses ist erst oberhalb des Wasserfalls möglich.

Auf dem Hochplateau ist der Ausblick in die Schlucht schwindelerregend, ich traue mich nicht, auf mehr als einen Meter an den Abgrund heranzutreten. In der Ferne schimmert das graue Wasser des Fjords durch den Regen.
Der Fluss hat reichlich Wasser, ist aber an der Furt nur knietief. Etliche Wanderer vor uns füllen sich die Stiefel randvoll, für uns geht es barfuß über die spitzen Steine, ich jaule, rutsche und bekomme taube Zehen, aber immerhin mit der Gewissheit, den Rückweg in trockenen Schuhen bewältigen zu dürfen. Es geht auf dem Plateau entlang durch mugelige Wiesen, die an Almen erinnern und wenn es weniger regnete, könnte es idyllisch sein. Spätestens an dem Punkt, als der Weg sich im Geröll verliert und kein gangbarer Pfad die steile Wand hinunter auszunehmen ist, ist die gute Laune verflogen und leichte Panik macht sich in mir breit. OSMand kennt einen Pfad, der aber nicht sehr vertrauenerweckend aussieht und ein Übel, das uns später vertraut werden wird, ist uns an diesem Tag noch brandneu: der heimtückisch verschwindende Schafspfad. Wir tapsen über Geröllfelder und durch Birkengestrüpp und ich frage mich, ob wir gleich am ersten Tag zu jenen Touristen gehören sollten, die von einer bescheidenen Anhöhe mit dem Helikopter gerettet werden müssen.
Auf dem matschigen und steilen Weg nach unten rutsche ich mehr als einmal aus, das Herz ist auf dem Weg durch die schlammige Hose schon in den Socken angekommen und an einer Stelle breche ich frustriert und panisch in Tränen aus. H. dirigiert und beruhigt nach Kräften: “Guck mal, wir verlieren schon an Höhe!” Ja. denke ich, mehr Sorgen macht mir das “Wie”.
In einer lachhaften Entfernung vom Parkplatz stoßen wir am Ende glücklich wieder auf den Hauptpfad, dessen Geröll und Pfützen mir vorkommen wie das Paradies und sogar der Regen hat für den Augenblick aufgehört. Die Softshelljacke ist nass auf drei Tage hinaus, die Hose ist schlammverschmiert und auch die Schuhe haben einiges abbekommen, sind aber innen so mollig warm, wie man es sich nur wünschen kann und werden auch für die restliche Reise alles abschütteln, was an Matsch, Pfützen, Flüssen und nassem Gras noch unseren Weg kreuzt. Danke, Lowa.
Im grauen, sich dem Ende zuneigenden Nachmittag queren wir den eigentümlich milchigen Borgarfjord, rüsten uns an der Tankstelle mit Gas und einer Daten-SIM aus, die zunächst einige Rätsel aufgibt, und fahren der Küste entlang nach Snaefellsnes auf der Suche nach einem Zeltplatz. Die Landschaft ist flach und alles eigentümlich grau in dem trüben Licht, Wiesen, von unzähligen Flüssen und eigentümlichen Felszungen durchzogen, sie erinnert uns an die Landschaft, durch welche die Orcs Merry und Pippin geschleift haben. Auf einer Kiesfläche inmitten eines solchen Lavaflusses werden wir fündig, liegen erstmalig im fabrikneuen Zelt, darunter das um nichts ältere Tarp.

H. kocht Würstchen im Regen, dazu essen wir das unerwartet süße Brot - schwedisches, wie wir amüsiert feststellen. Skärgardsbröd fran västküsten!
Als wir im Schärengarten waren, hatten wir besseres Wetter. Es regnet die ganze Nacht.