Sonntag, 8. 7. 19 - Lapland in the sun oder: So ziemlich im Flachen
Der Regen prasselt die ganze Nacht hindurch aufs Zelt, hört aber gegen Morgen wie versprochen auf und als wir abbauen, sind bereits die ersten Wolkenlöcher am Himmel zu sehen - es soll ein sonniger Tag werden. Wir brechen ohne Frühstück auf mit der Aussicht, in den nächsten Supermarkt einzufallen und uns da zu versorgen. Der ICA in Skelleftea ist genau das Richtige und wir versorgen uns mit Brötchen und Teilchen zum Frühstück sowie Obst, Brot und Joghurt für später. Zu meiner Verwunderung gibt es keine Swedish Fish Weingummis, jedoch Fazer Tutti Frutti, die sowohl H. als auch mich frappierend an Weingummis aus unserer Kindheit erinnern. Am hot dog Stand nehmen wir noch einen gar nicht so schlechten Filterkaffee mit und so geht es weiter Richtung Lappland, während die Sonne lacht, Seen und Meer neben der Straße mit dem Himmel um die Wette leuchten und ich schwedische Brötchen mit Uwes guter Leberwurst bestreiche.
Hinter Lulea geht es auf die E10, hier ist Kiruna schon angeschrieben und jetzt macht sich doch, langsam und endlich, das Reisefieber bemerkbar. Die Sonne scheint, Die Ärzte kommen aus dem Radio und wir fahren nach Lappland - kann es Schöneres geben?
Bei der ersten Tankstelle an der E10 tanken wir noch einmal voll und ich klemme mich wieder für ein Weilchen hinters Steuer. Der Nachmittag kommt und neigt sich, es geht stetig nach Nordwesten und irgendwann, recht unscheinbar, ein Rastplatz: Polcirkeln, der Polarkreis. Mittlerweile fährt H. wieder, fährt erst vorbei und muss wenden, so viel Zeit muss sein. Wir machen ein Foto am Schild, genießen die Sonne und die warme Nachmittagsluft. Die Wälder werden immer niedriger und die Straßengräben sind voll bunter Blumen. Nach einer Pinkelpause frage ich H. nach der Beschaffenheit des Waldbodens zwecks Zeltaufschlagen, sein Urteil: hervorragend, Krähenbeerenheide und dickes Moos.

Mittlerweile wird das Licht stetig goldener, immer wieder blitzen Seen und Flüsse längs der Straße auf. Nach all diesen Kilometern Wald und Nichts ist Kiruna mit seinem mächtigen Erzberg ein Schock; der Standort scheint zu brummen, reichlich neue Mehrparteienhäuser werden aus dem Boden gezogen. Auf einem Schild eine stilisierte Darstellung des Lapporten, von diesem perfekt halbrund geschliffenen Trogtal habe ich gelesen, allerdings können wir es während der Fahrt nicht ausmachen - dafür am Horizont die ersten Schneefelder an den Bergen und nach wenigen Kilometern beginnt schon der große, blitzblaue Torneträsk, der uns bis nach Abisko hinein begleitet - 67 Kilometer ist er lang, lesen wir später. Die gewundene Straße nach Abisko ist ein einziges Staunen und vermutlich entgeht uns auch deswegen das Lapporten - der riesige See und die blitzenden Schneefelder auf den Bergen lenken uns einfach zu sehr ab! Die plausiblere Erklärung ist allerdings, dass wir es im Rücken haben.


Eigentlich hatten wir noch einen kleinen Zwischenhalt in Abisko geplant, der Nachmittag neigt sich aber schon und nach der langen Fahrt scharren wir beide innerlich mit den Hufen, die Rucksäcke aufzusetzen und ein paar Kilometer in diese fremdartige und einladende Landschaft hineinzuwandern. “Wo campen wir heute?”, fragt Heiko angelegentlich, der weiß, dass ich für diesen Abend einen Plan geschmiedet habe. “Wir gehen ein Stück Nordkalottleden, ein Weitwanderweg, direkt von einem Parkplatz an der E10 los nach Norden. Nach so 6 km müssten wir dann auch wieder auf den See treffen und nach 8 km gibt es eine Hütte. Es geht so ziemlich im Flachen dahin, sicher ein guter Einstieg!”
Es ist dann doch schon halb sechs, als wir an dem Parkplatz anlangen und das Licht ist bereits tiefgolden, obwohl die Sonne noch hoch am Himmel steht. Die Krähenbeeren und Birken leuchten verlockend - dennoch, jetzt nicht ablenken lassen, ein Rucksack ist zu packen und das nach Möglichkeit vollständig, was nicht dabei ist, ist nicht dabei. Noch nie waren wir mit dem Zelt weiter als ein, zwei Kilometer vom Auto entfernt und alles kribbelt vor Aufregung und Vorfreude. H. hingegen packt immer noch ein Stück Fotoausrüstung ein mit dem Fazit: “Puh, ganz schön schwer, das Ding”.
Aus irgendeinem Grund packen wir auch unsere brandneuen Wanderstöcke ein, ohne sie jedoch gleich zu benutzen.



Der Himmel ist blau und kein Wölkchen in Sicht, als wir uns federnden Schrittes von der Schnellstraße abwenden und dem schmalen Pfad folgen, wie er zwischen den Birken verschwindet. Nach wenigen Metern ist die Straße bereits außer Sicht, die Verkehrsgeräusche begleiten uns noch für ein, zwei Kilometer, bis auch sie verschwunden sind.
Der Wanderweg ist hervorragend markiert und auch ohne Markierungen gut erkennbar. Es geht direkt sehr abwechslungsreich los mit einer Mischung aus Pfad und Bohlenwegen, die sumpfige Stellen überbrücken - ich bin entzückt, hatte ich doch schon so oft Bilder von schwedischen Bohlenwegen gesehen und nun darf ich sie selber unter die Füße nehmen! Diese Begeisterung für Bohlenwege lässt später merklich nach, denn es gibt sie reichlich, mir wird klar, dass diese der Grund dafür sind, dass der Pfad auf den Satellitenbildern so gut zu erkennen ist. Links und rechts des Weges leuchtet das tiefe Grün der Heide vor Blumen, von den zartweißen Blüten des schwedischen Hartriegels über riesige, wildrosenähnliche Moltebeerenblüten, oberschenkelhohe Trollblumen und bunten Storchenschnabel ist alles dabei - ein Rausch. Auch dabei: Mücken, vor allem, wenn man mal stehenbleibt. Noch hilft Wedeln.
Schon nach ein paar hundert Metern schwitze ich gehörig, der sicherheitshalber angezogene Hoodie ist viel zu warm und muss runter. Mit dem dünnen longsleeve geht es besser, auch wenn durchaus noch weniger Klamotte gegangen wäre - zumindest haben so die Mücken weniger Chancen. Ich schwitze gehörig, die Sonne wärmt kräftig und es weht kaum ein Lüftchen. Das Gelände wird hügeliger und es geht für kurze Strecken durchaus steil hinauf und hinab, wobei die Anhöhen immerhin die Chance auf eine kleine Brise bieten. Insgesamt ist das ganz schön anstrengend, noch stimmt nichts, die Schuhe sind nicht gut genug geschnürt, das Tempo ist zu schnell, das Terrain völlig unvertraut und zuviel unnützer Krempel im Rucksack. Die Kilometeranzeige auf Heikos Apple Watch ist auch nicht gerade dazu angetan, einem Auftrieb zu geben, wir kommen echt eher langsam voran, nicht zuletzt dank diverser Foto- und Wunderstops - immer wieder haben wir wundervolle Aussichten ins Tal hinein, sehen den Torneträsk in der Ferne aufblitzen und die Berge langsam aber sicher näherkommen. In der anderen Richtung fällt uns ein merkwürdiges Tal auf, wie ein flaches “U” ist es aus den Bergen geschnitten - ja logisch, das Lapporten! So sehen wir es doch noch, herzlichen Glückwunsch. Manchmal kann man sich nur an den Kopf fassen, gern mehrfach, das vertreibt auch die Mücken.

Einmal passieren wir auf gleicher Höhe, nur in hundert Metern sicherer Entfernung hinter einer sumpfigen Senke gelegen, ein Schneefeld, im nächsten Tal wird ein langes Blockfeld durch einen Bohlenweg überbrückt. Ich habe etwas Respekt vor der Angelegenheit und tapse unbeholfen über die Planken, die im übrigen ziemlich schief stehen, aber die Gewöhnung hilft. Auf der nächsten Hügelkuppe hören wir plötzlich einen Fluss rauschen, das muss der Njuorajokk sein, der durch eine Stahlhängebrücke gequert wird; beim Abstieg kommt uns ein Angler, allerdings ohne Fang, entgegen.
Der Fluss ist ein ganz schönes Trumm, eiskalt, breit und reißend, ohne Brücke wäre hier definitiv Ende der Ausbaustrecke und wir nutzen die Gelegenheit, die Wasserflasche neu zu füllen - es schmeckt kühl und herrlich und da ich immer noch vor mich hin schwitze wie ein Tier, habe ich reichlich Nachholbedarf. Nach dem Fluss geht es auch direkt wieder steil nach oben, so dass ich auf der Kuppe angekommen direkt etwas Seitenstechen habe und leicht vergrämt feststelle, dass es direkt wieder runtergeht - auf der Karte sah das flacher aus, in Zukunft werden die Höhenlinien gefälligst genauer studiert, so eine Sauerei!

Ein oder zwei Täler später überqueren wir einen Bach, der durch sumpfiges Gebiet fließt und da schon wieder Ebbe in der Wasserflasche herrscht, erklärt Heiko sich zum Wasserschöpfen bereit - eine längere Trinkpause dort ist allerdings nicht opportun, die Mücken sind unerträglich und werden immer dreister. Ihre liebste Tageszeit naht, das Sonnenlicht fällt golden durch das sattgrüne Laub und unsere Geruchsfahne dürfte auch mit jedem Kilometer zunehmen. Also weiter geht’s und, wie könnte es anders sein, auf den nächsten Hügel. So langsam habe ich keine Lust mehr und auf den moosigen Hügelkuppen fände sich auch der eine oder andere ebene Zeltplatz, andererseits möchten wir auch gerne an den See, wo wir von fern Wiesenflächen gesehen zu haben glauben und sollten partout keine Zeltstellen kommen wollen, ist da ja auch noch die Hütte. Irgendwann zwischendurch gehen mir die Mücken so auf den Geist, dass ich zum Deet-Spray greife und halleluja - es wirkt, man hat seine Ruhe! Wir sind beide hingerissen und während wir müde weiterstapfen, legen wir Meter für Meter zurück.

Irgendwann kommt der nächste Anstieg einfach nicht, stattdessen steigen wir über längere Zeit kontinuierlich ab, das Gelände wird enger und waldiger und plötzlich ist da auf der rechten Seite wieder der Torneträsk, dessen glasklares Wasser bereits im Schatten des Hügels liegt. Wir begrüßen ihn freudig - übernachten kann man hier zwar höchstens, wenn man im Stehen schläft, aber heureka, wir sind am See, die Hütte kann jetzt auch nicht mehr so weit sein!
Dieses letzte Ende entwickelt sich dank einiger Felsen noch zu einer kleinen Geduldsprobe und veranlasst mich zu einigen Unmutsäußerungen, doch dann sind wir fast auf Seehöhe und als wir um eine Kurve kommen, liegt auf einmal keine 50 Meter vor uns, falunrot mit weißen Fensterläden, die Hütte. Diese letzten Meter gehen sich dann wieder fast von selbst. Fast 3 Stunden haben wir für die 8 Kilometer gebraucht.
In der Palnostugan-Hütte liegt schon ein schwedischer Wanderer in einem der Stockbetten, der, soweit wir uns verständlich machen können, in Gegenrichtung unterwegs ist - da er aber fast kein Englisch spricht, ist die Konversation recht schnell zu Ende und wir wünschen ihm eine gute Nacht. Hinter der Hütte gibt es ein ebenes Stück Wiese und eine Feuerstelle, wir entdecken nach kurzem Umschauen jedoch noch ein weiteres Wiesenstück fast direkt am See mit Zugang zu einem Kiesstrand, wo wir inmitten bunter Blumen unser Zelt aufstellen - zum ersten Mal in der Geschichte dieses Zelts mit offenem Außenzelt und hervorragender Aussicht.
Zelt und Hütte befinden sich in Schweden, nur einen Kilometer und hundert Höhenmeter weiter den Weg entlang käme ein Grenzstein und wieder einen Kilometer weiter die norwegische Lappfjordhytta - ein kurzer Spaziergang, aber wir haben beide genug für heute und selbst für ein Lagerfeuer bringen wir nicht mehr die Energie auf. Die Sonne ist hinter den Bergen, die wohl schon norwegische sind, verschwunden und es wird kühl, sodass ich sogar die Katzenwäsche ins Zelt verlege und jegliche Anwandlungen, im See schwimmen zu wollen, verflogen sind - zumal, nachdem Heiko berichtet, dass das Wasser glasklar, aber eiskalt sei. Die Kehrseite der Medaille ist, dass ich keine Bedenken habe, es zum Trinken zu verwenden. Eine Sorge weniger!
Ich bin ziemlich platt und fröstelig, erst nach einer Dreiviertelstunde im warmen Schlafsack kehren meine Lebensgeister zurück, aber dann ist es nach einem Abendessen aus schwedischem Brot und vorpommerscher Leberwurst schon elf Uhr durch und langsam Zeit zum Schlafen - auch wenn das schwerfällt, denn draußen ist es, obwohl das Zelt im Schatten liegt, taghell und die Bergspitzen hinter Abisko leuchten noch immer im Sonnenschein.