Freitag, 13. 8. - der Regenberg
Die Dusche hat gutgetan und nach dem Frühstück sind wir schnell in Alesund, wo wir überraschenderweise einen zentralen Parkplatz bekommen und es insgesamt ganz schön ausgestorben ist. Wir schlendern durch die Innenstadt, erklettern einen Aussichtshügel und tun uns in der Fußgängerzone um, wo wir jeder noch ein norwegisches Merinoshirt kaufen - denn Merinoshirts sind die Entdeckung des Urlaubs. Nach einem Kaffee am Hafen planen wir die weitere Fahrt nach Süden, das Wetter soll ganz gut sein und wir wollen endlich wieder auf einen Berg.



Alesund
Als wir dann in einer attraktiven Gegend sind, überrascht uns der Wetterbericht mit einer nicht sehr ergiebigen, aber ausgedehnten Regenfront. Sollen wir jetzt bei Regen auf einen Berg gehen? Tatsächlich habe ich großen Respekt vor glitschig-nassen Felsen. Aber schon wieder ins Hotel will ich auch nicht und so kommt es zum Biss in den sauren Apfel: Wir machen uns auf den Weg. Hinter Sandane am Nordfjord schrauben wir uns auf einer gravel road durch verwunschenen Bergwald den Hang hoch. Einmal queren wir einen reißenden Wildbach, der von ordentlich Wasserzulauf zeugt.
Die Straße endet an einem Parkplatz und der Zufahrt zu einer Hüttensiedlung. Unser Weg folgt dem Wildbach in den Wald hinein. Es nieselt ausdauernd und die Wolken hängen direkt über uns, so dass wir uns die Berge links und rechts nur vorstellen können.
Der schmale Pfad durch den Wald direkt am Bach ist wunderschön, aber auch die Pest, denn er hat sich ebenfalls in einen kleinen Bachlauf verwandelt und die herausragenden Steine sind glitschig wie sonstwas. Neben uns donnert der Wildbach und wenn wir ihm zu nahe kommen, sind wir nicht sicher, ob wir von den Wolken oder vom Bach “geduscht” werden. Außerdem schwitze ich wie blöd unter meiner Jacke, denn es ist trotz des Regens nicht sonderlich kalt.



Aufstieg zur Daurmalsnibba
Nach einiger Zeit führt uns der Weg weg vom Bach und über eine Sumpffläche hinauf zu der Hüttensiedlung, wo ich mich der Jacke entledige. Hinter der Siedlung beginnt der Anstieg. Zeitweilig verbessert sich die Sicht etwas und ich kann die “Wand” über uns sehen. Der Weg führt durch lichten Birkenwald, Farne und Beerenheide. Überall gurgelt das Wasser, auch der Weg dient weiterhin als Wasserablauf, aber das Wasser ist sehr flach und die Steine überraschend griffig, so dass wir gut vorankommen. Ohne Jacke ist mir auch nicht mehr zu warm und es läuft sich eigentlich recht angenehm.
An einer Weggabelung, die Baumgrenze haben wir nun hinter uns gelassen, wird aus dem Aufstieg eine langgezogene Traverse und nach ein paar kurzen Steilstücken sind wir auf dem Plateau angekommen. Zwischenzeitlich hat sich die Sicht wieder verschlechtert, wir sind mitten in der Nebelsuppe. Geisterhaft leuchtet hin und wieder ein Schneefeld durch den Nebel.



Auf der Hochfläche finden wir rasch ein ebenes Plätzchen für das Zelt, das sofort voller Wassertröpfchen steht, und legen uns selber erstmal trocken. Die Shirts sind nass, meine Hose nicht nur das, sondern auch schlammig bis zum Knie, das meiste wohl noch vom Waldweg. Beim Zeltaufbauen ist mir etwas kühl geworden und ich genieße es, mich im Schlafsack auszustrecken. Da mir nicht direkt warm wird, häuft Heiko seinen Schlafsack noch obendrauf. Er ist allerdings noch nicht auf Schlafen eingestellt, denn es ist noch ein Weilchen hell und der ausgeschilderte Gipfel der Daurmalsnibba ist ganz nah und nur noch hundert Höhenmeter über uns. Kurz darauf hat er mich überzeugt, ihn auf den Gipfel zu begleiten, auch wenn wir wahrscheinlich nichts sehen; ich schnüre gerade die Schuhe zu, als er aus dem Zelt kraxelt und begeisterte Geräusche von sich gibt. Als ich den Reißverschluss öffne, sehe ich ein ganz anderes Bild als eine Dreiviertelstunde zuvor: die Wolken senken sich und füllen die Täler, rundherum sind Gipfel und Kuppen sichtbar geworden, darüber der Abendhimmel. Zusammen mit der Stille, die nur von unseren Geräuschen und dem gelegentlichen Flattern des Zelts unterbrochen wird, fühle ich mich mal wieder in eine andere Welt versetzt; ein Erleben, das ich später nie so ganz abrufen kann und das Fotos nicht transportieren können, das ich aber zuverlässig wiedererkenne.



Der Weg auf den Gipfel führt anhand verblasster Markierungen links am Gipfel vorbei durch größere Gesteinsblöcke steil bergauf; das mit dem Geröll ist allerdings nach kurzer Zeit wieder vorbei und nach kaum 20 Minuten erreichen wir die Gipfelmarkierung. Genauer gesagt ist es weniger ein Gipfel als der Beginn des nächsten Hochplateaus; von hier aus kann man noch kilometerweit sehr gemächlich aufsteigen und eine Runde um das Tal drehen, die Sicht auf das Nebelmeer ist allerdings schon von hier aus sehr schön. Wir bewundern die Aussicht eine Weile, dann geht es zurück zum Zelt. Die Wolken bleiben brav unten, reißen oberhalb des Fjords sogar ein wenig auf und knapp oberhalb des Schneefelds beginnt der Himmel sich orange zu verfärben. Ein spektakulärer Sonnenuntergang entfaltet sich, auf dessen Höhepunkt die umliegenden Felswände in Flammen zu stehen scheinen.
Für diesen Anblick hat sich der Aufstieg durch Wolken und Geniesel mehr als gelohnt! Wir sitzen noch lange am Rand des Hochplateaus und betrachten das Schauspiel; als es endgültig dämmert, gibt es Erbsensuppe und Knäckebrot, während unversehens ein kleiner Nieselschauer niedergeht. Dann ist es Zeit fürs Bett; das war ein langer Tag!




Abendliches Wiedersehen mit dem Gloppefjord