Mittwoch, 11. 8. 22 - Gipfeldinge 2.0 und der ebenste Berg seit Menschengedenken
Der Wetterbericht war regenmäßig mal wieder ein bisschen zu optimistisch; was nur als kleiner Schauer angekündigt war, beschäftigt uns die ganze Nacht und sorgt, gepaart mit Windböen, für eine beträchtliche Lautstärke im Zelt. Jede Stunde bin ich wach und stelle fest, dass es noch immer regnet; zwischendurch lese ich (“Die Tochter des Schmieds”) und nutze gegen halb fünf die Gelegenheit, einem Freund zum Geburtstag zu gratulieren. Was der wohl für Gedanken zu meinem “Erholungsurlaub” hat? Aber darüber, dass es nicht viel mit körperlicher Erholung zu tun hat, hatten wir ja im Vorfeld schon gesprochen.

Die Schlafsäcke überzeugen uns mehr und mehr, auch wenn das komplett grüngelbe Farbschema das Zeltinneren mir mittlerweile das Gefühl gibt, ich würde in einer Avocado übernachten.
Auch wenn der Wetterbericht den die ganze Nacht über “nachrückenden” Regen bestätigt, sagt er weiterhin einen strahlenden Morgen voraus und gegen sieben hört der Regen tatsächlich auf. Als wir zum Zähneputzen aus dem Zelt krabbeln, stecken wir tief in einer Wolke, nur sehr gelegentlich taucht unter uns die Wasserfläche des Sees auf, doch es könnte sich lohnen, noch ein wenig zu warten, denn die Sonne ist bereits schemenhaft sichtbar.







Frühstück über den Wolken
Wir richten uns gemütlich auf der behelfsmäßigen Bank vor dem Abgrund ein, Heiko kocht Kaffee und Porridge und tatsächlich dauert es nicht lange, bis die Sonne sich durchsetzt und wir mal wieder treibende Wolkenschwaden bewundern können - ein bisschen mit dem Gefühl, uns das in der Regennacht verdient zu haben. Wir genießen die wärmenden Sonnenstrahlen, Heiko fotografiert, das Zelt darf trocknen und gegen zehn machen wir uns dann gemütlich auf den Weg über den Grat nach unten. Die Landschaft zeigt sich im lieblichsten Licht und den blitzblauen See haben wir stets vor Augen.Der Grat wird zum Schluss hin wirklich ein bisschen schmaler, schreckt mich aber nicht und das kurze Steilstück ebenfalls nicht. Dann sind wir schon wieder im Wald und nach kurzem auch zurück am Auto.


Heute ist eine gute Gelegenheit, ein Stück nordwestlich zu fahren; dort ist heute und morgen früh das Wetter noch gut, bis am Donnerstagabend dann die Sintflut hereinbricht. Die wollen wir in Alesund abwettern, denn dort waren wir noch nie.Nun aber fahren wir erst einmal nordwestlich Richtung Rondane Nationalpark, zunächst durch schöne und abgelegene Gebirgstäler, wo wir noch eine Weile den Klarälven wiedersehen, dann über eine bewaldete Kette nach Akrestrommen, wo wir etwas einkaufen, Kaffee trinken und einen Plan machen. Mich lacht die touristische Nebenstrecke an, auf der man direkt am Rondane-Nationalpark vorbeifährt, also suchen wir uns einen übersichtlichen Berg in der Nähe. Weil es noch recht früh am Nachmittag ist, trinken wir einen weiteren Kaffee an der Strecke und besichtigen die urige, flechtenbehangene Sägemühle in Atnbrua.



Die alte Sägemühle in Atnbrua
Die Wanderung zum heutigen “Gipfel” beginnt im Kiefernwald gegenüber einer ausladenden Camping/Hütten/Jugendherbergsanlage, wobei fast der gesamte Anstieg in dem steilen Waldstück stattfindet - ein bisschen wie im Dovrefjell vor zwei Jahren. Auf dem Plateau angekommen, geht es sehr moderat zwischen den stetig sich lichtenden Kiefern dahin. Heidekraut übernimmt, zunehmend durchzogen vom grünlichen Weiß der Rentierflechte. Alles leuchtet in der Abendsonne.
Auf dem Gipfel, der nur geringfügig höher liegt als der Rest der Gegend, aber eine schöne Sicht auf den See und die Berge von Rondane bietet, bauen wir das Zelt auf einem dicken, nach Kräutern duftenden Flechtenteppich auf.



So richtig viel gelaufen sind wir seit heute morgen nicht, also machen wir noch einen ausgedehnten Spaziergang über die Hochebene zu einem kleinen See. Das Ganze fällt ein bisschen länger aus als gedacht und am See halten wir es dank reichlich Mücken nicht lange aus, aber kurz vor Sonnenuntergang sind wir zurück am Zelt. Der zwischenzeitlich kräftige Wind ist mittlerweile abgeflaut und die Nacht wird ruhig.
