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Sonntag, 14. 8. - Der steilste Tunnel der Welt

Sonntag, 14. 8. - Der steilste Tunnel der Welt
Morgens über dem Sognefjord

Es war eine kalte Nacht und am Zelt haftet reichlich Kondenswasser, dafür werden wir von strahlendem Sonnenschein geweckt - unser erster sonniger Morgen auf dieser Reise! Wir genießen die Sonnenstrahlen in vollen Zügen, durchstreifen die Gegend ums Zelt, finden ein paar noch ziemlich unreife Moltebeeren und machen uns Porridge und Kaffee. Gegen halb zehn ist dann alles zusammengepackt und wir auf dem Abstieg. Der Weg über das Hochplateau ist bei diesem Wetter ein besonderer Genuss, er fühlt sich an wie Spazierengehen auf einem Balkon mit Sicht auf die Berge und die Plateaus ringsumher, auf denen sich wiederum Höhenunterschiede und Gewässer auftun.

Als wir uns dem Parkplatz nähern, kommen uns in Scharen die ersten Norweger entgegen - halbnackt, denn anscheinend wird bei gutem Wetter ein Berg wahlweise oben ohne bei Männern oder in Shorts und BH bei Frauen bestiegen. Ein Sport-BH muss es nicht sein, ein ganz normaler tut es auch. Ich finde das reichlich merkwürdig, aber dann sind wir am Auto. Ein Bachlauf dient zur Gesichtswäsche und das Auto muss erstmal vorglühen.

Unten in Sogndal legen wir uns bei der Tankstelle erstmal einen Kaffee und ein Teilchen zu und verzehren beides auf einer Picknickbank, die auf einem Container am Fjordufer steht. Sehr hübsche Aussicht, nur das Erklettern ist etwas herausfordernd, vor allem mit Kaffee in der Hand.

Unser nächstes Ziel ist in der Nähe von Øvre Ardal. Da sind wir letztes Jahr schon mal vorbeigekommen, damals auf dem Weg zum Tindevegen. Diesmal habe ich eine Wanderung in der Nachbarschaft ausgesucht; in jedem Fall müssen wir erstmal per Fähre auf die andere Fjordseite. Der Fähranleger in Kaupanger ist durch einen einspurigen Tunnel erreichbar, der direkt in den Fähranleger mündet, wobei jede Fahrtrichtung ihren eigenen Tunnel hat!

Auf der anderen Fjordseite sind wir dann auch schnell in Ardalstangen und machen dort eine kleine Pause. Die Sonne strahlt weiterhin vom Himmel und der Fjord leuchtet türkisblau. In Sogndal war großer Sonntagsbetrieb, aber hier in Ardalstangen ist wenig los. Im Hafen baden zwei kleine Jungs und ein paar Leute schauen zu, wie ein großer Frachter beim Aluminiumwerk anlegt - ein großes Unterfangen. Wir kaufen uns noch jeder ein Eis und einen Becher und fragen nach, ob der Tunnel ins Nachbartal wirklich gesperrt ist, denn aus den Schildern sind wir nicht schlau geworden - zu diesem Zeitpunkt sprechen wir noch kein Norwegisch. Die Frau im Cafe beruhigt uns aber, der Tunnel ist nur nachts geschlossen und der zweite Tunnel, der sehr steil und unbeleuchtet sein soll, sollte ebenfalls zugänglich sein. Also machen wir uns auf den Weg nach Ofredalen. Auf dem Weg kommen wir durch eine Wohnsiedlung, wo jeder die Sonnenstrahlen nutzt und alle möglichen Textilien vom Teppich bis zum Schlafsack vor dem Haus hängen.

Dann schraubt sich die Straße den Berg hinauf zum zweiten Tunnel; wir halten in einer Parkbucht und schauen hinein. Ein lichtloses Loch; nur die Reflektoren in der Straßenmitte werfen das Licht zurück und neigen sich steil nach oben, so dass das Ganze ein bisschen den Eindruck einer Skischanze macht. Tatsächlich nimmt die Steigung des Tunnels mittendrin zu; er wurde in den 90ern zunächst mit 7% Steigung angelegt und erst auf halber Strecke merkte man, dass das Kartenmaterial nicht stimmte und dass man nachkorrigieren musste, um das geplante Tunnelende zu erreichen. Dadurch hat die zweite Hälfte des Tunnels 15,5 % Steigung, was ihn zum steilsten Tunnel der Welt macht.

Unbeleuchtete Tunnel haben immer etwas leicht Gruseliges, und dieser ist keine Ausnahme, aber er ist auch ein echtes Erlebnis. Auf der anderen Seite schrauben wir uns weiter den Berg hoch bis zum Parkplatz einer verlassen daliegenden Skihütte. Gegen drei Uhr machen wir uns auf in unser Quartier; wir folgen einer Runde über das Hochplateau und auf die Erhebungen Bjørnaholten, Skrednosi und Vedabakknosi, um die Runde dann morgen zu vollenden. Der Pfad führt erst steil bergauf durch lichten Birkenwald, später über zunehmend kahle Hochheide. Das Licht ist wunderschön, aber die Sonne brennt und wir sind gut durchgeschwitzt, als wir auf dem Skrednosi eine Pause einlegen. Tatsächlich hat die Wegbeschreibung keinen Hehl daraus gemacht, dass es mit Pfaden und Markierungen ab dem Bjørnaholten etwas mau ausschaut, aber irgendwie bin ich dann doch überrascht davon und von dieser Aufgabe überfordert, obwohl das Terrain an sich nicht schlecht zu gehen ist.

Auf eigene Faust queren wir also zur Vedabakknosi, wo wir unser Nachtlager aufschlagen wollen. Ich bin ziemlich platt und mag nicht potentiell umsonst aufsteigen, so dass Heiko erstmal vorausgeht und potentielle Zeltplätze auskundschaftet. Er kommt mit zufriedenem Gesichtsausdruck zurück und so schnaufe ich mich die letzte halbe Stunde den steinigen Hang hoch. Hier gibt es nicht mal mehr Krähenbeeren, aber viele kleine Pflanzen, die wir noch nie gesehen haben.

Pünktlich zum Sonnenuntergang steht das Zelt und wir sind hochzufrieden mit unserem Nachtlager. Noch ist der Himmel klar, aber in der Nacht und morgen früh soll es regnen.