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Dienstag, 18. 7. - Nass ist nass, Fährentetris und Grillhütte

Dienstag, 18. 7. - Nass ist nass, Fährentetris und Grillhütte
Ein nasser Morgen in Nordlenangsbotn

Ich habe gut geschlafen, allerdings gemerkt, wie es irgendwann nachts anfing, leise und ausdauernd aufs Zelt zu regnen. Dementsprechend ist das Tal heute morgen in tiefhängende Wolken gehüllt und Heiko diagnostiziert beim ersten Pinkelausflug eine fiese Sorte Regen, quasi isländischen, die uns in Kürze durchnässt haben wird. Da wir das Zelt nach dem Sturm am Sonntag nicht nochmal abgespannt haben, steht es auch ziemlich labbrig in der Landschaft herum. 

Da wir höchstens bis Mittag warten könnten, ob es aufhört, da unsere Essensrationen mit dem Frühstück erschöpft sein werden und im Auto eh trockene Sachen auf uns warten, machen wir uns darüber wenig Gedanken. Gehen wir halt im Regen! Nach einem Porridgepuddingfrühstück und dem letzten Kaffee packen wir im Zelt alles zusammen, ich schnalle das gefundene Rentiergeweih, das sich mein Schwiegervater ausbedungen hat, an den Rucksack - es ist so gewölbt, dass es perfekt an die Seite passt -, über alles kommt die Regenhülle, mich selber versorge ich mit Hut und Regenjacke. Mal schauen, wie sich das so macht.

Heiko schnallt das dezent feuchte Zelt wie in den alten Zeiten unter den Rucksack; wir wissen ja schon, dass die Regenhülle großzügig geschnitten ist. Dann stapfen wir los durch das mystisch in Nebelschwaden gehüllte Tal.

Weil es so schön war, machen wir einen ähnlichen Fehler wie am Vortag: Wir gehen nicht stracks auf den bekannten Weg am Ufer zu, sondern halten uns schräg Richtung Fluss, in der Annahme, dass wir den ja nicht verfehlen können. Das stimmt zwar, dafür ist nun zwischen uns und dem Fluss Sumpf, und zwar nicht die leicht quatschige, ebene Variante vom Ufer, sondern die Mugelige mit Löchern, in denen das Wasser steht, garniert mit allerhand Birken und Gesträuch. Ich bin kurz schon wieder bedient und natürlich macht uns das alles auch nicht gerade trockener. Nach sehr lang erscheinenden Minuten treffen wir dann aber doch wieder auf den Weg und kommen gut voran. Von dieser Richtung aus fällt es mir leichter, auf dem Pfad zu bleiben. Der Regen prasselt uns zwischenzeitlich kräftig auf die Kapuzen - sehr viel angenehmer mit dem Hut darunter -, aber meine Füße und Oberkörper sind noch angenehm warm und so geht es mit leichtem Bergabtrend gemütlich dahin. Die hohen Berge sind meist komplett unseren Blicken enthoben, es wirkt, als liefen wir über eine weite und ganz schön unfreundliche Ebene. An einer Stelle taucht im Hintergrund geisterhaft ein kleiner See auf; er liegt ein paar Meter oberhalb des Wegs, so dass ich ihn auf dem Hinweg nicht gesehen habe, ich kenne ihn aber von der Karte. Es regnet pausenlos, noch mehr Nässe spendiert uns das nasse Gestrüpp von den Seiten.

Wir folgen dem Weg mustergültig bis an die Fjordspitze; dort lassen wir uns von einem anderen Pfad fehlleiten, mit dem Erfolg, dass wir zum Schluss noch einmal durch den Sumpf abschneiden und zwei Bäche queren müssen. Zu dem Zeitpunkt bin ich zwar noch immer gut gelaunt, aber Schuhe und Jacke lassen es mittlerweile feucht durch und meine Hände fühlen sich kalt an. Zusammengedrängt wie Schafe teilen wir uns einen Proteinriegel, dann geht es das  letzte Stück am Fjordufer entlang. Ich hatte die Hoffnung, dass meine Schuhe dort nicht weiter durchnässen werden, da die ewige nasse Vegetation ausbleibt, aber das Ufer ist so voller Pfützen und kleiner Bachläufe, dass es keinen Unterschied macht. Stoisch stapfen wir vor uns  hin. Meine Socken geben mittlerweile quatschende Geräusche von sich und ich bin mir sicher, dass mir das Wasser im Schuh steht.

Vor lauter Latschen und weil ich das  Handy mittlerweile unter Heikos Regencover deponiert habe, wo es trockener ist als an meinem Oberschenkel, und daher nicht so leicht drankomme, verpassen wir die richtige Abzweigung zu der Siedlung, wo das Auto steht, und müssen uns auf den letzten Metern noch etwas durchs Gesträuch schlagen, um den richtigen Weg zu finden, denn das Wäldchen ist durch einen Zaun mit Gatter von der Siedlung getrennt. An der Stelle beginnt meine Laune kurzzeitig dann doch zu bröckeln, aber dann sind wir schon fast da und passend zur Ankunft am Auto hat auch der Regen fast aufgehört.

Gründlich durchgeweicht

Wir werfen die Rucksäcke von uns und starten das “einmal alles”-Wechselprogramm: Schuhe, Socken, sogar meine Unterhose kann ich auswringen und die Oberteile sowieso. Zum Glück warten hier trockene Sachen und die Rucksäcke sind unter der Regenhülle fröhlich trocken geblieben. Wir breiten die Klamotten nach Möglichkeit zum Trocknen aus, bereuen ein bisschen, keinen großen Jeep wie in Island zu haben, parken die Schuhe allesamt im Beifahrerfußraum und begeben uns schließlich die zwei Kilometer zum Joker am Fährhafen, um uns mit frischer Biola, Keksen, Soda, Himbeeren (auch hier gibt es die norwegischen Himbeeren) und Teebeuteln zu versorgen. Der Blick in die Landschaft offenbar nichts Berauschendes, der Nebel hängt knapp über dem Autodach und das soll auch so bleiben; es zieht uns also von hier weg und ich bin noch unentschieden, ob ich heute nacht überhaupt im Zelt schlafen mag. Das schöne(re) Wetter ist laut Wetterbericht eher südwärts, Richtung Senja und Vesteralen, zu finden, also ist der Entschluss schnell gefasst, in diese Richtung zu fahren. Auch das Nordkap steht kurz in der Diskussion, kann aber keine Punkte gewinnen. Die Fahrt gibt außerdem Gelegenheit, die Knochen auszuruhen und die Klamotten trockener zu bekommen.

Auf der Fähre von Svensby sieht der Himmel richtung Südwesten schon etwas weniger nebelverhangen aus, wir fahren ein weiteres Mal unter Tromso durch und nach Kvaloya, zur Senja-Fähre nach Botnhamn. Da es auf der Nordroute eine Baustelle mit Sperrung gibt und wir nicht genau wissen, ob die uns nun betrifft oder nicht, fahren wir an der auch sehr malerischen Südküste der Insel entlang, was allerdings dazu führt, dass wir die Fähre nun knapp verpassen werden - die nächste geht in zwei Stunden. Na ja!

Als wir in Brensholmen ankommen, liegt die Fähre noch am Anleger, ein Wohnmobil und ein Van stehen vor uns an und zwei Angestellte sind anscheinend mit Autosschichten beschäftigt. Das Wohnmobil wird hinaufgewunken, danach verschwinden alle Beteiligten für eine Weile im Bauch der Fähre; ob sie jetzt losfahren? Aber noch ist das hintere Schott nicht zu und tatsächlich kommen sie kurz darauf wieder heraus und der Angestellte der Fährgesellschaft erklärt dem Van-Fahrer, dass sein Fahrzeug nicht mehr draufpasst - unser kleines Auto jedoch schon! Ich kann mein Glück kaum fassen, denn zwei weitere Stunden in Brensholmen hätten meine Lebensqualität nicht drastisch erhöht. 

Das Auto passt tatsächlich gerade so, schief und mit Augenzusammenkneifen auf die Fähre und wir müssen uns zwischen der Motorhaube und dem davor geparkten Wohnmobil durchquetschen, um die Überfahrt nicht auf dem Autodeck verbringen zu müssen. Mittlerweile legt die Fähre ab und oben im Salon wird unser Glück noch von frischen Waffeln gekrönt. Bei Waffeln und Kaffee kümmern wir uns um ein Nachtlager; eigentlich wollten wir ins Resort Hamn i Senja, durch das wir 2019 schon einmal geschlendert sind, aber jemand hat uns das letzte Appartement weggeschnappt und so wird es eine Hütte im Landesinneren, in einer Gegend, die wir noch nicht gesehen haben. Wir haben keine großen Erwartungen, diese werden aber bei weitem übertroffen - die Hütte steht alleine an einem Fluß im Wald, ist gut in Schuss und, das Beste, hat eine Grillhütte, eine norwegische Erfindung, die ich heute das erste Mal von nahem kennenlerne: ein mehreckiger kleiner Pavillon mit Fenster und Bänken rundherum und einer Feuerstelle mit Abzug in der Mitte.

Heiko verkündet sofort, dass wir nochmal aufbrechen und etwas zum Grillen kaufen und so fahren wir nochmal ins nahe Gibostad und erwerben Würste, Kartoffeln, Eier und Brot. Vor der Grillaktion machen wir noch einen kleinen Spaziergang vom Haus weg zu einem kleinen Wasserkraftwerk am See und eine Runde um den Hügel entlang zurück, hauptsächlich im Wald und Sumpf mit einigem an Gatsch, aber ohne große Anstrengungen. Danach genießen wir das Abendessen mit Tee in der Grillhütte, die Dusche, ein Feuer im Ofen, vor dem nebenher das ganze nasse Zeug trocknet und fallen gegen Mitternacht ins Bett. Auch mal eine tolle Sache, so eine Hütte!