Montag, 17. 7. - Der Geist des Gewitters
Als ich morgens aufwache, ist es bewölkt und der Wind ist vollkommen verschwunden. Was er zurückgelassen hat: Fliegen. Sobald ich zum Pinkeln erstmals das Zelt verlasse, zeigen sie mir, dass sie die wahren Herren des Tals sind und umschwirren mich zu Dutzenden. Misstrauisch beäuge ich die Trauben von Viechern, die sich auf mir niederlassen, aber außer kitzeln und summen tun sie nichts - immerhin, das alleine ist ja schon etwas lästig.
Ich wasche mich in einem nahen Bach, der durch den Sumpf fließt und wir essen Frühstück an einer Kiesbank im Gletscherfluss, während sich langsam die Sonne durchsetzt. Heute wollen wir den höhergelegenen Teil des Tals erkunden, wo unser Gletscherfluss herkommt. Hierfür hatte ich mich darauf verlassen, einen eingezeichneten Fußpfad auf der nördlichen Seite des Flusses, von der Hütte aus nutzen zu können, so müssen wir schauen, ob wir auch auf unserer Seite einen brauchbaren Aufstieg finden. Wir haben Zeit bis etwa ein Uhr mittags, dann soll ein Gewitter kommen. Ich bin zwar etwas neugierig auf Blitz und Donner aus dem Zelt heraus, allerdings würde ich dann auch gerne darin liegen.

Statt dem Fußpfad am Fluß entlang bis zum Talende zu folgen, versuchen wir, direkt an Höhe zu gewinnen und traversieren den Hang entlang. Das ist ein Fehler, denn das Gelände wechselt zwischen steilen Waldhängen, wo mir auch direkt ein morscher Birkenstamm unter der Hand abbricht, und kaum weniger steilen Geröllhängen. Heiko fühlt sich dort wohl, ich weniger. Die Sonne scheint kräftig, wir schwitzen wie blöd und jede Minute wächst die summende schwarze Fliegenwolke, die uns umgibt. Dann stehen wir vor einem kleinen Wasserfall; nicht der Gletscherfluss, sondern ein Wasserlauf, der aus einem Seitental kommt und genug Schwung mitbringt, dass ich ihn an der Steilwand nicht überqueren mag. Heiko behauptet, das Problem werde sich im weiteren Aufstieg von selbst lösen und faszinierenderweise tut es das auch: ein paar Meter hangaufwärts verschwindet der Bach unter dicken Steinbrocken. Ruck-zuck sind wir auf der anderen Seite. Dann geht es nur noch stur bergauf und wir stehen in dem grünen Hochtal; vor uns die hohen Gipfel mit den eingebetteten Gletschern, die draus entspringenden Wasserfälle und der mächtige Wasserlauf. Verschiedene Nebenläufe nehmen fast das ganze Tal für sich in Besitz, überall gluckert und plätschert es und Türkisblau durchzieht die grünen Wiesen. Erst auf der nächsten Steilstufe findet alles für einen Wasserlauf wieder zusammen und wird dann ein unheimlich breiter und einigermaßen flacher Fluss, den man hier sogar queren könnte. Leider haben wir trotz knallblauen Himmels mit Schäfchenwolken das angekündigte Gewitter im Nacken, so dass wir nach einer Stunde so langsam den Rückweg antreten. Der ist dann auch wieder eine kleine Herausforderung, weil wir zu langsam absteigen und den Bach viel zu weit oben furten und überhaupt, Abstiege durchs Geröllfeld. Dafür steigen wir jetzt bis auf den Talboden ab und latschen die letzten Meter gemächlich in der Horizontalen am Fluss entlang zum Zelt zurück. Die Sonne scheint immer noch, den einzigen Schatten werfen die Fliegen, die allerdings in beeindruckender Menge vorkommen. Heiko hat beim Frühstück festgestellt, dass auch Goldaugenbremsen vorhanden sind und ich habe vereinzelt Bachbremsen gesehen, aber nur in sehr kleiner Zahl. Das Kroppzeug scheint nach wie vor Heiko vorzuziehen, so dass ich keine Stiche abbekomme.





Nur Fliegen sind schöner!
Uns ist warm, also werfen wir uns am Fluss ins Gras/Heide/Weidengestrüpp, ziehen die Schuhe aus und stecken die Füße ins Wasser. Kurz - es ist genau so kalt, wie man es von Gletscherwasser vernünftigerweise erwarten kann, so dass Heiko sogar verkündet, von seinem Plan, auf eine nahe Kiesbank zu waten, Abstand zu nehmen.
Da wir faul sind, holt Heiko die Isomatten aus dem Zelt, wir tragen neue Sonnencreme auf, legen die Hüte auf die Gesichter und dösen, begleitet vom Rauschen, Murmeln und Gluckern des Flusses, einige Stunden auf der grasigen Böschung vor uns hin.In der Zwischenzeit stellt sich unüberraschend heraus, dass das Gewitter gestrichen ist, lediglich zuziehen soll es sich bis heute abend und morgen ist Nebel angekündigt.


Heiko hat eigentlich vor, noch einmal direkt vom Zeltplatz aus über den gerölligen Steilhang einen Aufstieg ins Hochtal zu versuchen, aber wir sind irgendwie schläfrig (erst später kommen wir drauf, dass es daran liegen könnte, dass es an dem Morgen keinen Kaffee gab, da ich nicht genug eingepackt hatte) und so lungern wir den ganzen Nachmittag herum. Ich bin sowieso für nichts mehr zu haben, da meine Beine sich vom Kraxeln durchs Geröllfeld noch ziemlich mitgenommen anfühlen.
Als die aufziehenden Wolken die Sonne verdecken, ziehen wir uns ans Zelt zurück und lesen, an einen Stein gelehnt: Heiko Terry Pratchett und ich The Expanse. Danach machen wir noch einen kurzen Spaziergang zum Talende (er ist wirklich kurz) und bereiten das Abendessen zu; es gibt zum allerersten Mal Trekkingnahrung und zwar “Hühnchencurry mit Reis” von Decathlon, gekauft vom Abschiedsgutschein von meinen Kolleginnen. Ich bin ein bisschen zu nachlässig mit dem Umrühren, ansonsten schmeckt es aber richtig gut. Mal sehen, wie sich die anderen Marken bewähren!
Gegen zehn Uhr gehen wir dann auch so langsam in den Schlafmodus über. Ein schöner, fauler Tag!

