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Mittwoch, 19. 7 - ein Tag in Gryllefjord und ein Abend am Strand

Mittwoch, 19. 7 - ein Tag in Gryllefjord und ein Abend am Strand
Abends in Otervika

Nach einer erholsamen Nacht hängen wir noch den Vormittag über in der Hütte herum, trocknen die restlichen Sachen, packen alles ordentlich wieder ein, Heiko macht Bauernfrühstück von den Grillresten und Eiern. Der Plan sieht vor, um 14 Uhr in Gryllefjord zu sein, um die 15-Uhr-Fähre auf die Vesteralen zu nehmen. Dort wollen wir dann heute abend auf einem Berg zelten und morgen früh hoffentlich das sonnige Wetter genießen.

Auf dem Weg nach Gryllefjord schauen wir noch an einer Tankstelle vorbei, die google zum Trotz leider keine Circle K ist - die Kaffeeflatrate hätte sich in diesem Urlaub wirklich nicht gelohnt, ganz zu schweigen davon, dass ich bisher noch keine Circle K gesehen habe, wo ich es überhaupt hätte erwerben können.

Die Straße zum Fähranleger führt uns quer über Senja, an Bergen und Wäldern und am Anderdalen Nationalpark vorbei bis zur Küstenstraße. In Gryllefjord angekommen sind wir etwas fassungslos ob der Länge der Schlange am Fähranleger; ich brauche eine ganze Weile, um den Hafen zu Fuß zu erreichen und die Dreiuhrfähre kommt und fährt ohne uns. Als sich die Fahrzeuge wieder neu auf die Spuren am Hafen verteilt haben, sind wir diesem zwar deutlich näher gekommen, aber es ist weiterhin nicht garantiert, dass wir die nächste Fähre erwischen werden, die immerhin in vier Stunden ablegt.

Das Ende der Straße in Gryllefjord

Nach einem kurzen Kriegsrat beschließen wir, es darauf ankommen zu lassen, da wir nun doch neugierig sind, ob die nächste Fähre Platz für uns haben wird oder nicht. Wir schwatzen kurz mit einem Anwohner und entscheiden uns für eine kleine Bergtour vom Dorf aus, allerdings führt uns ut.no beim Startpunkt des Weges in die Irre und leitet uns auf einen Trampelpfad, der nach kurzer Zeit verschwindet und unsere Motivation mit sich nimmt. Wir laufen ein Weilchen am Fjord entlang, kaufen beim Supermarkt am Hafen noch ein paar Sachen ein und verbringen den restlichen Vormittag lesend und strickend im Auto. Der Himmel ist weiterhin recht grau mit tiefhängenden Nebelschwaden. Bei einem letzten Spaziergang zum Ende der Autoschlange zähle ich hinter uns 33 weitere Fahrzeuge, die meisten davon Wohnmobile. Wieviele davon wohl auf die Fähre passen..?

Als die lange, schmale Fähre anlegt, wird es nochmal spannend, aber wir sind unter den Handverlesenen, die zum Schluss noch an Bord dürfen. Beim Ablegen frage ich Heiko noch, ob er mit Seegang rechnet, da wir ein recht langes Stück offene See überqueren, er hält es aber für unwahrscheinlich - es ist ja nicht windig. In Gryllefjord, zwischen den schützenden Bergketten, stimmt das auch, aber kaum haben wir diese verlassen, frischt es ordentlich auf und die Wellen werden höher, so dass die Fähre nach einiger Zeit kräftig rollt und krängt. Es macht richtig Spaß, auf dem Deck zu stehen, Senja langsam verschwinden zu sehen und zu spüren, wie der Seegang den Körper mal hierhin, mal dahin zieht. Später im Salon habe ich allerdings gewisse Probleme, den Kaffee zum Tisch zu befördern, was mir allerdings ohne Kleckern gelingt! 

Zwischenzeitlich habe ich sogar einen Anflug von Übelkeit, aber der Kaffee und die Waffel kurieren das schnell. Wir legen pünktlich um neun in Andenes an. Diese Überfahrt war die letzte für heute, trotzdem sind auch hier im Fährhafen alle Spuren belegt für die erste Fahrt morgen früh. Wenn wir hier entlang zurück wollen, müssen wir also wieder einen Nachmittag am Hafen verbringen.

Andoya zeigt sich grau, etwas düster und ziemlich windig und ein wenig gruselt es mir schon vor dem als schwierig beschriebenen Küstensteig von Bleik nach Otervika, aber da wir den ganzen Tag rumgesessen sind, lasse ich mich nicht abhalten. Wir wollen nach Otervika noch auf das Bergplateau aufsteigen, irgendwo da oben campen und das für morgen angesagte schöne Wetter genießen. Heute abend haben die höheren Gefilde allerdings primär hartnäckige Wolken zu bieten.

Die ersten Meter am Strand entlang führen durch eine wunderschöne Blumenwiese; zu dieser Uhrzeit hat sich hier ein Dutzend “Wildcamper”, vor allem Wohnmobilisten, versammelt. 

Der Küstensteig führt mit viel kleinem Auf und Ab über Felsstufen am Wasser entlang; schön, aber - vor allem in dieser Lichtstimmung - auch etwas unheimlich und mir, so stellt sich heraus, an diesem Abend ein bisschen viel. Ich halte mich aber wacker, bis wir - gar nicht mehr so weit entfernt vom Strand - einer falschen Wegspur folgen, die ausgesetzt nach oben führt. Ich hänge schon recht weit oben am Hang, der Wind zerrt an mir und tief unter mir brechen die Wellen gegen die Steine, als Heiko feststellt: das kann hier nicht richtig sein! Der Blick auf die Karte bestätigt dies, der Weg verläuft viel tiefer. Der Gedanke, diesen “Weg” wieder absteigen zu müssen, bringt mich zur Verzweiflung und so werde ich erstmal im Windschatten eines Steins “zwischengeparkt”, während Heiko nach Wegmarkierungen sucht und auch schnell findet. Ich trockne meine Tränen und folge ihm zu ein paar fiesen Kraxelstellen, die meine Stimmung jetzt auch nicht gerade heben. Es geht über große Blöcke nicht weit oberhalb der Wasserlinie; ein paarmal reicht mir Heiko meinen Rucksack hinterher, damit ich beweglicher werde. Im Nachhinein muss ich mich fragen, ob es wirklich so wild war und vermute, dass es an einem anderen Tag, bei besserem Wetter und ohne sperrigen Rucksack vielleicht sogar Spaß gemacht hätte, an diesem Abend allerdings habe ich wirklich gelitten und bin sehr erleichtert, als das Gekraxele schlagartig aufhört und sich in einen halbwegs ebenen Trampelpfad verwandelt. 

Das felsige Stück ist kaum 2 Kilometer lang gewesen, aber wir haben fast zwei Stunden dafür gebraucht - wohlgemerkt mit Abstecher. Das Gekraxel, vor allem aber der Stress und die zunehmende Angst haben mich total ausgepumpt und auch aus meinen Beinmuskeln alle Kraft gesaugt; das merke ich sogar auf dem Pfad, wo mich kleine Unebenheiten fast zu Fall bringen.

Was entschädigt: der Anblick der Bucht, eingeschnitten zwischen rauhen Felsen, mit weißem, makellosem Sand, türkisblauem Wasser und theatralischer Brandung und wir haben sie ganz für uns allein. Mittels Urschrei teile ich den Wellen mit, was ich von der Anreise halte.

Heiko hat in der Zwischenzeit verkündet, dass wir mit Rücksicht auf meinen Erschöpfungszustand hier unten übernachten werden und angesichts der Umgebung fällt die Wahl leicht, zumal oben Nebelsuppe angesagt wäre.

Als das Zelt steht - es ist von vorgestern immer noch drecknass, auch innen, nachdem es zwei Tage nass eingepackt war -, bekomme ich erstmal Schlafsack “verordnet”, es gibt Yum-Yum-Suppe und Tee und im Zuge dessen wird mir nach dem fiesen Wind auch langsam wieder warm.  Wir sprechen allerdings darüber, dass ich anscheinend noch einen Pausentag brauche, da ich offensichtlich nicht richtig fit bin. Ich merke auch, dass ich mir beim aus dem Zelt Krabbeln echt schwer tue. 

Vielleicht werden wir den morgigen Tag noch hier in den Bergen verbringen und Heiko wird nur einen Solotrip zum Auto unternehmen?

Wir haben noch lange Aussicht auf den herrlichen Mitternachtssonnenhimmel und es ist schon zwei Uhr, als wir uns, der Brandung lauschend, schlafen legen.