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Mittwoch, 17. 8. - Am Gletscherparadies

Mittwoch, 17. 8. - Am Gletscherparadies
Abends am Reinanuten

Wir haben gut geschlafen und finalisieren beim Frühstück die Pläne für den Tag - wir haben noch zwei Übernachtungen, die wir irgendwo zwischen hier und Oslo verbringen können, wo auch immer sich ein gutes Wetterfenster bietet. Darunter ist Odda und wir sind sofort überzeugt. Am Folgefonna hat es uns vor zwei Jahren so gut gefallen und vielleicht können wir ja diesmal sogar auf den Reinanuten steigen, den höheren Berg direkt am Eis?

Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg. Es ist zunächst noch sehr grau, die Wolken haben die typische Farbe von Hochnebel, der sich innerhalb einer halben Stunde auflösen kann, wenn er in Stimmung dazu ist - und das tut er! Kaum nähern wir uns dem herrlichen Tal und fahren am Wildbach entlang auf Odda zu, scheint die Sonne vom blauen Himmel. Wir kaufen im Ort noch etwas zu essen und Heiko kommt endlich zu seinem ersehnten Merinoshirt. Am liebsten würde ich den kurz-knackigen Weg von Buer aus gehen wie in 2021, aber Heiko lehnt ab - auch hier hat es sehr viel geregnet und der Weg war schon im trockenen Zustand nicht ganz ungefährlich. Wir gehen also das lange, schöne Ende über Fossasete und Liasete.

Am Einstieg stärken wir uns noch, dann geht es das erste steile Stück hinauf auf das Hochplateau. Der Weg mit seinen Steinstufen ist hinauf fast genauso fies wie hinunter und in jedem Fall schweißtreibend. Dafür ist der Anblick in Fossasete der reine Kitsch: grüne Wiesen, kleine Hütten, ein Wasserfall und ein türkisblauer Gletschersee. Dahinter beginnt direkt der Märchenwald mit viel Farn, Blaubeergesträuch und knorrigen Bäumen. Es ist herrlich. Das Schönste daran, die Strecke in dieser Richtung zu gehen: Kurz vor Liasete kommt zum ersten Mal der Gletscher in den Blick und man hat ihn immer wieder vor Augen, während man sich ihm nähert.

In Liasete gibt es diesmal keine zutraulichen Schafe, dafür aber Hochlandrinder, die wir allerdings eher aus der Ferne bewundern. Hinter der Alm lasse ich mich von Fußspuren - nicht sicher, ob von Mensch oder Tier - ablenken und wir schneiden durch den Sumpf ab, der gerade nicht sehr feucht ist. Wie sich am nächsten Tag herausstellen wird, ist dies sehr viel kürzer als der Pfad durch den Wald, denn als wir diesen wiedertreffen, sind wir schon kurz vor dem nächsten Anstieg. Dieser wird sehr anstrengend, wir werden von der Sonne regelrecht gebacken.

Als sich der Pfad an einer Hügelflanke entlang zum Buervatnet hin windet, öffnet sich der Talkessel vor uns und ich fühle mich plötzlich, als stünde ich hoch oben auf einer Kanzel. Unter uns liegt der Wildbach, der aus dem Buervatnet strömt, die bewaldeten Hänge, der jähe Abbruch ins Tal mit den wie gefältelten Hängen auf der anderen Seite und voraus die Gletscherzunge. Das Licht wird schon abendlich und alles nimmt einen goldenen Ton an.

Nach kurzer Suche finden wir den Zeltplatz von 2020 wieder - den besten am Platze -, bauen das Zelt auf, rasten kurz und machen uns dann auf den Weiterweg zum Reinanuten. 500 Höhenmeter haben wir noch vor uns, aber ohne Rucksack wirkt das Gehen ganz leicht.

Was den Weg angeht, ist sich das Kartenmaterial nicht ganz sicher und ich bin schon halb darauf eingestellt, ein Stück weglos kraxeln zu müssen, aber es gibt dann doch einen Weg von den Hütten aus, der sogar markiert ist und sehr zügig an Höhe gewinnt. Schon bald können wir von oben den Buervatnet und die höher gelegenen Seen betrachten, wie sie sich auf dem Plateau hinbreiten.

Es wird Abend und erfreulicherweise liegt unsere Seite mittlerweile im Schatten, so dass wir nicht mehr ganz so schwitzen müssen.

Kurz darauf sind wir auf Höhe des Gipfels und traversieren dann noch über einen Kilometer in Richtung Gletscher über glattgeschliffene Felsen, Wasserlöcher und Grasflecken. Sogar Zeltplätze gäbe es hier! Mittlerweile beginnen die Wolken sich über den Gletscher zu senken und begleiten den Sonnenuntergang mit dramatischen Lichteffekten. Hier sind wir tatsächlich Auge in Auge mit dem Eis. Es ist anders als im Bladalen, wo der Gletscher wie eine Zunge in einer Talmulde lag; hier sind wir hoch oben, wir hören die Gletscherausflüsse hunderte Meter tief zu Tal stürzen und neben uns tut sich wie eine Schlucht das Buerdalen auf. Es ist schwindelerregend.

Irgendwann wird uns bewusst, dass die Sonne ja gerade untergegangen ist und demzufolge die Dunkelheit irgendwann folgen wird - Zeit, wieder zum Zelt zu kommen! Wir überqueren das Gipfelplateau zügig und machen uns an den Abstieg. Kurzzeitig geraten wir auf den falschen Weg, der hinunter ins Tal führt, bemerken den Irrtum aber schnell. Die Wolken verfolgen uns von oben und die Seen liegen düster kobaltblau im Abendlicht.

Aufgrund der einsetzen Dunkelheit ist mir etwas gruselig und es ist tatsächlich schon sehr dämmrig, als wir wieder am Seeufer ankamen. Um so überraschter bin ich, als gleichzeitig ein Grüppchen junger Männer, sehr abgekämpft aussehend und nass bis an die Oberschenkel, von unten her ankommt. Wir grüßen fröhlich und machen uns auf dem Weg zum Zelt. Noch kurz Wasser holen, dann gibt es eine hochwillkommene Yum-Yum-Suppe. Mittlerweile haben sich die Wolken tief gesenkt und den Gletscher unseren Blicken enthoben - was für ein Tag!