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Sonntag, 16. 7. 23 - Strandleben und lange Märsche

Sonntag, 16. 7. 23 - Strandleben und lange Märsche
Ausblick auf die Lyngen Alpen

Wie immer ist die erste Nacht im Zelt ein wenig holprig, ich bin noch nicht an Isomatte und Schlafsack gewöhnt und die Helligkeit draußen hilft auch nicht, Schlafmaske hin oder her, denn als ich merke, dass die Sonne aufs Zelt scheint, muss ich immer wieder hinauslinsen und mich an der strahlenden Umgebung erfreuen, bevor ich weiterschlafen kann.

Bei Heiko muss es ähnlich sein, jedenfalls kommen wir morgens nicht in die Gänge, lungern bis zehn im Zelt herum, schauen gelegentlich nach draußen und dösen. Dann kocht Heiko auf der praktisch ins Vorzelt hineingebauten Sitzbank - ein langes Stück Fels mit Gefälle dahinter - Frühstücksporridge, der kurz für lange Gesichter sorgt, ist die diesjährige Formel doch ziemlich dünn und geschmacksarm geraten. Zum Glück habe ich die Idee, der Angelegenheit noch eine Tüte Tassenpudding beizugeben, die ich eigentlich als Nachtisch für gestern eingepackt hatte und der schafft es doch tatsächlich, die Sache zu retten.

Nach Porridge und Kaffee zusammen mit spektakulärer Aussicht über die blauen Fjorde und die Inseln packen wir dann ganz gemächlich alles zusammen und machen uns gegen Mittag auf den Abstieg. Das timing ist gut, denn uns kommen eine ganze Reihe Wanderer entgegen und auch der Parkplatz ist gesteckt voll.

Wir machen noch einen kurzen Abstecher nach Rekvik, ein kleines, nach Sommersiedlung aussehendes Dorf, wo die Straße endet und die Straßenlaternen auch als Telefonmasten dienen - die braucht man auch, denn Handyempfang gibt es hier noch nicht. Dann fahren wir zurück am Meer entlang Richtung Tromso. Unterwegs halten wir noch an einem wunderbar weißen, von blühenden Blumen gesäumten Strand, wo Kinder im Wasser spielen und ich auch bis zu den Knien ins  eiskalte Wasser stapfe. Außerdem kommt uns fast schon in Tromso ein einsames Rentier auf der Straße entgegen. 

Durch die Tunnel durchqueren wir die Stadt und halten uns Richtung der Fähre nach Lyngen. Weil ich noch nicht durchschaut habe, wie Android Auto funktioniert, und wir einmal falsch abbiegen, verpassen wir die Fähre nach Lyngen und warten am Anleger bei Sonnenschein und bestem Blick auf die Lyngenalpen eine Stunde auf die nächste. Leider findet die Sache mit dem Softeis am Fähranleger hier im Norden anscheinend prinzipiell nicht statt.

Der Wetterbericht ist so lala und wechselt außerdem ständig, trotzdem wollen wir jetzt ernst machen und für zwei Nächte wegbleiben. Dafür fahren wir bei recht starkem Wind bis nach Nord-Lenangen und parken dort in einer Siedlung. Es geht auf halb sechs zu und wir haben noch einige Kilometer vor uns. Der Weg führt von der Siedlung weg direkt durch lichten Birkenwald und Sumpf, dann an das steinige Fjordufer. Das Wasser ist hellblau und der starke  wind verleiht den Wellen weiße Schaumkronen. Er kommt direkt aus unserer Laufrichtung, wir haben also wenig Chancen, ihm heute noch zu entkommen, was immerhin heißt, dass wir nicht allzusehr ins Schwitzen geraten.

Am Ufer finden sich ein paar Hütten. Wir treffen zwei Angler und einen Mann, der in einem Boot in Ufernähe herumgondelt und wahrscheinlich darauf wartet, die Angler wieder einzusammeln, sonst sehen wir niemanden. Das steinige Fjordufer läuft sich gut, dennoch dauert es länger als erwartet, bis wir an der Spitze ankommen: gut 4 km haben wir bis dahin auf den Uhren. Hier beginnt der ausgeschilderte Weg nach Vaggas; Vaggas ist eine private Hütte unterhalb der Steilstufe am Ende des Tals, noch einmal über 6 Kilometer entfernt. Man kann sie mieten, im Moment ist sie aber gar nicht ohne weiteres erreichbar, denn laut Internet ist die Brücke über den Gletscherfluss kaputt. Diese befindet sich immerhin aber erst etwa einen Kilometer vor der Hütte, bis dahin können wir den Weg und die Brücken über die Nebenflüsschen noch nutzen.

6 Kilometer noch! Nun gut. Und vielleicht könenn wir den Fluss ja furten, die Watschuhe haben wir eingepackt.

Der Weg steigt über eine Heidefläche sanft an und ich genieße es, mal anderen Untergrund unter den Füßen zu haben. Als die Krokelva das erste Mal in Sicht kommt, bin ich ernüchtert ob ihrer Größe; da kommt eine Menge schnelles Wasser runter und dank der Gletschermilch ist die Tiefe schwer einzuschätzen, aber sicherlich jenseits der 50 cm. Im Guten kommen wir da nicht rüber, aber erstmal ist das ja auch nicht nötig. Leicht ansteigend kämpfen wir uns gegen den böigen Wind durch steinige Heide, niedrige Wäldchen und später viel Sumpf den Hang hinauf und überqueren die kleineren und größeren Bäche auf Brücken unterschiedlicher Art und in diversen Stadien des Verfalls. In der Konstruktion spielen Europaletten eine große Rolle.

Auf dem letzten Kilometer ist der Pfad oft nicht mehr gut zu sehen, zumal es oft durch sumpfiges Gelände geht. Der Sumpf ist zwar ziemlich trockengefallen, etwas kräfte- und nervenraubend ist das Ganze trotzdem, denn “wo geht es jetzt lang” ist eindeutig nicht meine Lieblingsfrage im steifen Wind und am Ende einer längeren Wanderung. 

Schließlich gelangen wir an die Brücke über den Gletscherfluss, die sich tatsächlich hauptsächlich unter Wasser befindet. Wir schauen noch halbherzig nach einer Furtstelle (nein)  und suchen uns einen Zeltplatz auf einer Seitenmoräne, wobei ich direkt ein halb verrottetes Rentiergeweih finde. Es windet immer noch ganz schön und dunkle Wolken ziehen über den Himmel, es bleibt aber trocken und wir strecken uns zufrieden im Zelt aus. Es gibt Yum-Yum-Suppe und einen Apfel und abgesehen davon, dass mir der Sturm immer wieder das Zelt ins Gesicht haut und ich einmal mitten in der Nacht von einer besonders fiesen Böe aufwache, schlafe ich ganz gut. Es ist angenehm, einen sicheren Schlafplatz zu haben und das Ganze erinnert mich ein wenig an Sturmabende in Island.