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Montag, 24. 7. - Kitsch, Leuchttürme, Kindergeschrei auf Bergen und ein Plastiksee

Montag, 24. 7. - Kitsch, Leuchttürme, Kindergeschrei auf Bergen und ein Plastiksee
Lyngstuva

Am nächsten Morgen haben wir richtig klaren Himmel und die Sonne scheint viel kräftiger als in den letzten Tagen - alles strahlt richtig und wirkt wie aufpoliert. Wir machen uns Kaffee und Porridge. Mittlerweile ist auch mein Kindle ganz schön leer, meine Uhr auch, die Telefone sowieso - Zeit für eine Rückkehr zur Zivilisation! Mit funktionierender power bank wären wir allerdings gut hingekommen.

Nach dem Frühstück bauen wir ab, wandern zurück zur Brücke und halten uns dann geradeaus auf der südlichen Flussseite. Irgendwo habe ich gelesen, dass der Pfad hier schwerer zu gehen sein soll, aber das ist mal wieder gelogen, der Weg ist nicht anspruchsvoll und wunderschön. Er führt uns durch lichten Märchenwald voll hohem Gras, das mit Glockenblumen durchsetzt ist, durch plätschernde Bächlein, kleine Nebenflüsse des Gletscherflusses, hohe Wiesen und sogar durch ein Stück trockenes Flussbett. Die Sonne wärmt und wir finden hier sogar schon vereinzelt reife Heidelbeeren, für die es eigentlich noch zu früh im Jahr ist.

Kurz vor Furuflaten müssen wir nochmal eine kleine Anhöhe hoch und können von hier aus sogar das Meer sehen! Was für ein toller Weg. Vor einem Bauernhof steigen wir dann steil durch den Wald wieder ab und treffen wieder auf den breit ausgebauten Spazierweg, auf dem wir einen Kilometer später wieder beim Auto eintreffen.

Es ist immer noch sonnig und wir beschließen, einen kleinen road trip langs der Lyngenhalbinsel zu unternehmen; die pinkfarbenen Weidenröschen sind in voller Blüte und wachsen als Unkraut überall zwischen der Straße und dem Meer. Zusammen mit dem verwitterten roten Holzschuppen, dem tiefblauen Meer und den Bergen stets im Blick bewegen wir uns inmitten einer Kitschpostkarte.

Wir fahren zur Lyngstuva, der Nordspitze der Halbinsel, wo ein alter Leuchtturm steht. Auf dem Parkplatz spricht uns ein alter Norweger auf einem Fahrrad an und möchte gern schwatzen, aber leider verstehen wir einander nicht - das wäre heute anders! Wir trennen uns dann, er fährt zurück in den Ort und wir folgen dem Fahrweg. Die Gegend ist offensichtlich sehr beliebt, auf einer nahegelegenen Wiese stehen Autos und vor allem Wohnmobile dicht an dicht, es ist der reinste Campingplatz. Den Leuchtturm haben wir dennoch so ziemlich für uns allein; die Küste ist hier ein wilder Kontrast aus zerklüfteten Felsen und satten Wiesen. Das Meer öffnet sich hier, die Berge ringsum sind weiter entfernt, das kleine Häuschen, das früher Öllager war und heute als Unterschlupf genutzt werden kann, steht dennoch gleichsam hingeduckt in einer kleinen Senke. Ein besonderer Ort.

Der Leuchtturm, der ursprünglich aus den 1920er Jahren stammt, scheint in den letzten Jahren erneuert worden zu sein, er hat ein modernes Stahlgehäuse samt Solarpanel - ein Zugeständnis an die Funktionalität, die nach wie vor gegeben sein muss.

Nach einer kleinen Pause machen wir uns auf den Rückweg und halten beim Joker in Nordlenangen, der gleichzeitig Fähranlegestelle, Kaffeestube, Supermarkt, Tankstelle und was weiß ich noch alles ist, für ein Eis - während wir das auf der Picknickbank essen, wird uns im Wind doch reichlich kühl, doch es entschädigen: Rentiere! Das Gebimmel von Glocken höre ich zuerst, dann kommen die Tiere aus dem Gebüsch getrabt, bestimmt ein Dutzend. Sie überqueren zügig den Supermarktparkplatz, um auf der anderen Seite wieder in der Heidefläche zu verschwinden.

Über all das ist es Abend geworden und Zeit, unser Nachtquartier aufzusuchen - heute zelten wir zum letzten Mal, denn übermorgen fliegen wir wieder nach Hause und müssen früh am Flughafen sein. Wir wollen zum Rottenvikvatnet. Dafür müssen wir wieder zurück nach Süden, vorbei an der vollendeten Kulisse der Lyngsalpen vor dem Jaegervatnet an Weidenröschen, dann quer rüber nach Lyngseidet und dort auf sehr schmalem Sträßchen wieder ein Stück nordwärts. Diese Seite liegt schon in tiefem Schatten.

Auf dem Parkplatz zum Rottenvikvatnet haben sich ebenfalls ein paar Camper zur Nacht eingerichtet, während wir alles zusammenpacken und uns dem Einstieg nähern. Der Weg ist kein Wanderpfad, sondern die Zufahrtsstraße zum See, der ein Stausee ist und diese geht sich echt etwas scheiße - sie ist übel steil und anders als auf einem Wanderpfad gibt es keine Tritte, die das Ganze etwas stufenförmiger gestalten würden, sondern man bewegt sich unaufhörlich auf dieser schrägen Ebene fort. Ich bin froh, als die ersten 300 Höhenmeter überwunden sind und es deutlich flacher wird.

Beim Aufstieg hören wir immer wieder ein kurzes, gellendes Schreien, das sich anhört, als hätte ein Kind Spaß daran, zu hören, wie es von der Felswand wiederhallt - aber als wir oben ankommen, ist dort niemand anderes, egal welchen Alters. Am nächsten Tag, als wir absteigen, beginnt das Schreien erneut - offenbar verwarnt uns da irgendein Greifvogel, vielleicht ein Rauhfußbussard?

Oben auf dem Plateau scheint die Sonne noch über einer mugeligen Landschaft aus Krähenbeerenheide. Wir wenden uns erstmal nicht dem See zu, sondern steigen noch ein wenig höher und suchen uns einen Zeltplatz, von dem aus wir über den Fjord sehen können. Hier bläst es etwas und ich bin froh, als das Zelt steht und ich in ein trockenes Oberteil und meinen Wollpulli krabbeln kann. Die Aussicht allerdings ist phänomenal; wir haben den Fjord und freie Sicht nach Norden auf der einen Seite und, wenn wir ein paar Schritte gehen, den Rottenvikvatnet und die dazugehörigen Gletscher auf der anderen. Die Farbe des Sees ist im Abendlicht so unwirklich, dass er aussieht wie aus Plastik.

Da wir alle Trekkingessen verzehrt haben, gibt es heute Yum-Yum-Suppe. Lecker! Gegen halb elf machen wir noch einen kurzen Spaziergang im Abendlicht, das eigentümlich dräuend geworden ist; aus Norden haben sich Wolken herangeschoben.