Samstag, 15. 7. - die andere Richtung
Die Tage vor der Abreise hatte ich schon frei, was sehr angenehm ist, trotzdem bin ich am Samstagmorgen ruhelos, auch wenn nicht mehr viel zu tun bleibt. Heiko hat fleißig Campingsachen, Klamotten und Technik auf zwei Reisetaschen, einen Trolley und zwei kleine Rucksäcke verteilt, die Schuhe sind imprägniert, Katzensitterin ist im Bilde, ich hatte im Vorfeld vier verschiedene Sorten Trekkingnahrung zum Probieren besorgt, von Decathlon bis zum beliebten Real Turmat.
Pünktlich um halb zwölf sammelt uns das Taxi zum Flughafen ein, wo wir auch schnell den Automaten für das Selbstausdrucken der Gepäckbanderolen finden; dann greift Verwirrung um sich. An den Gepäckaufgabeschaltern hat sich eine riesige Warteschlange gebildet; nur wenige warten an der extra abgegrenzten Schlange für “self baggage drop-off”, doch die Automaten, die dafür vorgesehen sind, glänzen beide mit einem “out of order”-Schild. Als wir sehen, dass trotzdem immer wieder Wartende aus dieser Schlange drankommen, stellen wir uns trotzdem dort an, denn die Wartezeit, uns in die große Schlange einzureihen, haben wir nicht.
Gut zwanzig Minuten und ein kurzes Wortgefecht mit einem Angestellten später dürfen wir unser Gepäck tatsächlich an einem Schalter abgeben, der eigentlich für einen Flug nach Antalya vorgesehen ist. Wir spekulieren kurz darüber, ob das wohl klappt oder unsere Rucksäcke ohne uns in die Türkei fliegen werden, doch Einfluss haben wir darauf keinen und vor allem bin ich erleichtert, dieses Kapitel abgeschlossen zu haben. Die Sicherheitskontrolle geht dafür schnell, wir warten noch ein Stündchen und dann geht es pünktlich an Bord. Zufällig sehe ich vom Fenster, wie unsere beiden Taschen eingeladen werden - jetzt kann nichts mehr schiefgehen!
Die versprochenen Turbulenzen lassen auf sich warten, dafür verdecken Wolken das meiste der norwegisch-schwedischen Grenzregionen, die wir überfliegen. Nur gelegentlich öffnet sich der Blick auf dichte Waldgebiete, Berge, Schneefelder und große Seen.
Auch über Tromso ist der Himmel bedeckt, aber sobald wir durch die Wolkendecke stoßen, geht ein Raunen durch die Kabine: schneebedeckte Gipfel, dramatisch von Wolkenfetzen umgeben, Fjorde und die erstaunlich kurze Landebahn von TOS.
Den Weg von der Maschine zum Terminal legen wir zu Fuß zurück, auf dem kurzen Weg von der Eingangstür zum Gepäckband, das nur ein paar Meter lang ist, weisen Schilder den Weg für den Transfer nach Longyearbyen und sofort will ich nach Svalbard weiterreisen - ein anderes Mal!
Mit dem Gepäck geht es dann zur Autovermietung; praktischerweise hat Heiko schon per online check-in alle Daten ausgefüllt, so dass es relativ schnell geht. Jetzt geht es also los!
Der Himmel ist recht bewölkt, auch wenn es nicht akut nach Regen aussieht und ich schaue mir nochmal den Wetterbericht an. Für heute abend ist in Lyngen einiges an Regen vorausgesagt, deutlich besser soll es im Westen von Kvaloya werden und weil es uns nichts ausmacht, mal eine Stunde in die andere Richtung zu fahren, entscheiden wir uns dafür.
Obwohl das Wetter nicht so einladend aussieht, wie es möglich wäre, habe ich seit dem ersten Atemzug außerhalb des Flughafens jedes Fremdheitsgefühl verloren. Es riecht ein bisschen nach Erde, nach Grün und ganz besonders nach dem Nordatlantik; ein typischer Norwegengeruch, der sofort macht, dass ich mich auf vertrautem Boden fühle.



Unterwegs auf Kvaløya
Direkt hinter der Brücke nach Kvaloya gibt es eine Tankstelle und einen Supermarkt, dort kaufen wir Gas, Lebensmittel (außer Tee) und hot dogs. Einzelne Sonnenstrahlen fallen noch dramatisch durch die dichte Wolkendecke, als wir die Vororte Tromsos nach Nordosten verlassen und die Straße sehr schmal und schlecht wird. Ich bin der Meinung, dass wir 2019 auf unserer Rundtour von Senja nach Tromso und Narvik auf die Lofoten schon mal hier durchgekommen sind, aber Heiko bestreitet das mit solcher Überzeugung, dass ich mir erst wieder sicher bin, als wir am Strand von Grotfjorden ankommen, an den Heiko sich dann auch erinnert. Die Berge haben graue Gupfe auf und hin und wieder nieselt es leicht, als wir an einem von den Bergen strömenden Fluss die Trinkwasserkanister füllen; überall im Sumpf blühen Orchideen.

Erst als wir an die Passhöhe kommen, wo unsere Wanderung beginnt, sieht das Wetter etwas freundlicher aus. Es ist schon acht und der doch recht große Wanderparkplatz ist fast leer. Wir packen alles um und ein und machen uns dann auf den Weg zum Brosmortinden, im Grunde dem höchsten Punkt einer ansteigenden Steilklippe. Da ich das Ziel bei der wetterbedingten Änderung unserer Pläne in aller Schnelle herausgesucht habe, ist alles eine ziemliche Überraschung und beim Aufstieg freuen wir uns an der zunehmend besseren Aussicht über das Nordmeer und die Fjorde bis hin nach Senja. Das Wetter klart zunehmend auf, die umliegenden Gipfel werden frei und die untergehende Sonne schenkt uns ein paar Strahlen und schöne Abendfarben. Auf einem grasigen Sattel zwischen zwei Gipfelchen gibt es Zeltplätze, Heiko findet aber einen besseren auf dem zweiten Gipfel mit freier Sicht nach Norden. Der Platz ist steinig, ein bisschen schief, aber erstaunlich eben. Aus beiden Zelteingängen sieht man das Meer und sonst nicht viel.
Draußen weht ein kalter Wind und wir kuscheln uns noch ein wenig mit Aussicht in die Schlafsäcke, bevor wir Yum-Yum-Suppe zubereiten und die Schlafmasken aufsetzen.
